Zeitlos

Neulich am Starnberger See. Karo und Laraina waren surfen. Karfiol quatschte mit dem Typen vom Bootsverleih. Ich sonnte mich. Nach einer Weile wurde mir langweilig. Ich öffnete die Augen und sah hoch in den Himmel: zarte schmutzigweiße Wölkchen auf verwaschenem Blau, das mich an Larainas Denim-Jeans erinnerte. Oder umgekehrt: die Farbe von Larainas Denims ähnelt der des Himmels über dem See. Schließlich war er zuerst da, von Anbeginn sozusagen. Später kam dann der See hinzu. Ein sehr viel kleinerer Himmel, in dem sich der große spiegelt. Daher ist an manchen Tagen die Oberfläche des Wassers tiefschwarz, an anderen wiederum blassblau, grau oder auch türkis. Manchmal sieht man in ihm auch die Sonne, den Mond oder die Sterne – zum Greifen nah und doch so weit. Denn schlussendlich ist und bleibt es Wasser.

Langsam atme ich ein, langsam atme ich aus. Ich bin so erfüllt vom lautlosen, verwaschenen Himmel-Blau, dass sich meine Augen mit Tränen füllen. Vielleicht spiegelt sich der Himmel ja auch in ihnen? Möglicherweise war ich schon immer ein Teil von ihm: Tiefschwarz, blassblau, grau, türkis und so stabil, dass mir selbst die Tausenden von Raketen nichts anhaben können, die  wir im Laufe der letzten Jahre durch ihn hindurch geschossen haben.

Ich bin stark, ich werde ewig leben, denn ich hab die Zeit überwunden. Dieses selbstsame Konstrukt, das unser Leben in Minuten, Stunden, Tagen, Monaten, Jahre und Jahrtausende eintaktet, kann mir nichts mehr anhaben. Mit einem einzigen ultralangen Ausatmer habe ich sie fortgewischt, als hätte sie nie existiert. Vermutlich ist sie ohnehin bloß eine clevere Idee, damit wir wissen, wann wir aufstehen, essen und zu Bett gehen sollen. Ohne Zeit würden wir gar nicht merken, dass wir älter werden und uns irgendwann wundern, dass uns Haare und Zähne ausfallen. Zeit ist nichts weiter als ein Instrument, genauso hilfreich wie eine Zahnbürste oder ein Kamm, die mir helfen meinen Alltag zu bewältigen.

Ob ich in einer zeitlosen Welt immer noch Kamm und Zahnbürste mit mir herumtragen werde? Vielleicht werde ich ja nichts weiter besitzen, als ein Paar besonders exquisiter rosa Schuhe. Ungetragen. Irgendwann dann werde ich sie fortwerfen, wie es so viele andere vor mir gemacht haben und wie es ebenso viele nach mir machen werden. Milliarden über Milliarden ungetragener, rosa Schuhe. Ein riesiger pinker Berg, der niemanden interessiert und den niemand wahrnimmt. „Ich hab Hunger Mama!“ Laraina und Karo sind endlich vom Surfen zurückgekehrt. Zeit aufzubrechen.

Ein Gedanke zu „Zeitlos“

  1. Gedanken, die zum reflektieren anregen…
    Ja, wie wäre unsere Welt ohne Zeit? Tolle Frage. Ich denke, es wäre fantastisch… Und ich vermute mal, wir würden nicht altern, wenn es keine Zeit gäbe! (-;

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.