Warum unser Planet doch nicht untergeht

Laraina trägt neuerdings Zöpfe und sie schminkt sich nicht. Dazu trägt sie Ringel-T-Shirt und eine schlecht sitzende Jeans. „Deine neue Frisur erinnert mich an Pippi Langstrumpf“, sagte ich ihr heute beim Abendbrot. „Pippi hat rote Haare“, merkt meine Tochter an, häuft die Radieschenscheiben auf ihrem Teller zu schiefen Stapeln und legt sieden auf ihr Knäckebrot. Karfiol schaut kurz von dem Display seines Smartphones hoch.„Laraina wird die neue Greta“, klärt er mich auf. „Deswegen also diese albernen Zöpfe? Demnächst trägt sie sicher auch Bommelmütze.“ „Wir haben Sommer Mama“, Laraina beißt energisch in ihr Knäckebrot, dabei verrutschen die Radieschenscheiben, eine fällt vom Tisch herunter auf den Fußboden, wo Schlafgut liegt und anfängt zu schnaufen. Gemüse jeglicher Art sind ihr ein Gräuel. „Lern lieber Englisch“, schlage ich meiner Tochter vor. „Greta Thunberg spricht ein fantastisches Englisch.“ „Laraina auch“, verteidigte Karfiol seine Schwester. „Im letzten Zeugnis hatte sie hat eine Drei Minus,“ ich runzel die Stirn, wie Mütter das machen, wenn sie streng aussehen wollen. „ Für die Weltklimakonferenz reicht das nicht.“ Schnell sichere ich mir den letzten Ziegencrottin, bevor Karfiol ihn mir wegschnappen kann.

Laraina  stützt ihre Hände auf die Tischplatte. „Worum geht’s hier eigentlich?“, sie zieht eine Grimasse „Unsere Erde geht den Bach runter und du regst dich auf, weil mein Englisch nicht gut genug ist.“ Ich schüttel den Kopf. „Die Erde wird nicht untergehen, keine Sorge.“ Laraina schaut mitleidig zu mir rüber. „Das ist längst wissenschaftlich bewiesen, Mama.“ „Es sind die Wissenschaftler, die untergehen werden“, korrigiere ich sie, „nicht unser Planet.““Ahhh“, wenn Laraina schreit, klingt ihre Stimme wie eine Kreissäge auf Speed. Karo, der schon die ganze Zeit mit irgendjemand telefoniert hat, sieht sie entnervt an. „Sssht“, „Mama spinnt“, jammert meine Tochter. „Das merkst du erst jetzt?“ Karo wendet sich wieder seinem Geschäftspartner zu. „Yes, Peter, I fully agree with you.“ 

„Die Wissenschaft“, sage ich langsam, „wird diese die Zeitenwende nicht überleben, denn ihre Konzepte funktionieren nicht mehr. “ „Leugnest du etwa den Klimawandel?“ Karfiol schaut mich an, als hätte ich ihm gerade gestanden, das Internet gelöscht zu haben. „Wieso leugnen?“ Karfiols Kopf sinkt nach vorne, sodass er fast seinen Teller berührt.  Dabei gibt er ein pfeifendes Geräusch von sich, ähnlich wie wenn ein Reifen Luft verliert. „Mama“, schreit jetzt meine kleine Kreissäge auf Speed. “Es ist Fakt, dass wir zu viel CO2 ausstoßen, es ist Fakt, dass sich der Planet aufheizt, es ist Fakt, dass, wenn wir so weitermachen wie bisher…“ „Das, was du Fakten nennst“, unterbreche ich sie. „sind nichts anderes als Konzepte. Sie wurden von Wissenschaftler erdacht und im Laufe der Zeit zur allgemein gültigen Wahrheit deklariert. Deine Fakten beruhen auf naturwissenschaftlichen Gesetzen, die von Mensch entwickelt wurden und mit Systemen gemessen und analysiert werden, die ebenfalls von uns Menschen konzipiert und produziert wurden. Es ist unser eigener Kosmos, der gerade untergeht, nicht der unseres Planeten. Der lacht sich vermutlich die ganze Zeit schief über uns.“ Ich schaue zu Laraina hinüber, die, den Blick starr auf ihren Teller gerichtet, Schlafgut mit Knäckebrotstückchen füttert.

„Doch eines Tages“, fahre ich fort, „wenn die Wissenschaft längst das Zeitliche gesegnet hat,  wird unser Planet erblühen. Wir werden erwachen und erstaunt feststellen, dass die Natur lebt, dass sie atmen, lieben und hassen kann. Uns wird klar werden, dass die Welt,  in der wir leben, kein Zombieparadies aus chemischen, biologischen oder physikalischen Formeln und Gesetzmäßigkeiten ist, sondern dass unser Planet ein Geschöpf ist, von dem wir Menschen nur ein klitzekleiner Teil sind. Vermutlich an diesem Punkt werden wir dann merken, dass die Erde in Wahrheit eine Scheibe ist.“ Ich werfe meinen Kindern einen triumphierenden Blick zu, doch ihre Plätze sind leer. Nur Karo sitzt noch am Tisch. Er telefoniert immer noch mit Peter und spricht gerade in das Mikro seines Headsets. „Sure“,er nippt hektisch an seinem Glas Weißwein, „sounds like a plan. I will send you my proposal within the next days.“ Langsam stehe ich auf, räume das Geschirr ordentlich auf das neue Bambustablett und trage es hinüber in die Küche.

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