Vom Ende der Zeit

Seit vorgestern habe ich eine neue Uhr. Von Karo. Er hat sie mir von einer Reise mitgebracht und das, obwohl wir seit einigen Wochen kaum miteinander reden. Er hatte mir das schmale Päckchen auf den Frühstücksteller gelegt und war dann wieder mal im Homeoffice verschwunden. Ich öffnete das Teil und starrte ratlos auf die SmartWatch in ihrer stylischen weißen Verpackung. „Was soll ich denn damit?“ „Ist doch cool, Mama“, sagte Laraina und wedelte mit ihrer linken Hand, an der sich dasgleiche Modell befand. Karo hatte offensichtlich nicht nur mich versorgt. „Mit Uhren ohne Zifferblatt kann ich nichts anfangen“, ratlos betrachtete ich die leuchtende, rosafarbene Blüte auf dem Monitor von Larainas Uhr. „Kannst du einstellen, Mama.“ Sie strich über das Display, bis ein schwarzer Screen mit weißen Zeigern und einem orangenen Sekundenzeiger erschien. „Jetzt speichern.“ Sie drückte auf das kleine Rädchen am Rand und strahlte, als hätte sie gerade die Zeit neu erfunden. 

„Warum nicht gleich so“, seufzte ich erleichtert. „Weil so eine SmartWatch viel mehr kann, als nur die Zeit anzeigen. Du kannst telefonieren und sogar WhatsApp Nachrichten empfangen.“ „Kann ich mit meinem Smartphone auch.“ „Sie zeigt dir außerdem an, wieviel du dich am Tag bewegst und wieviel Kalorien du verbrauchst.“ „Die Uhr kontrolliert, ob ich zu fett bin?“ „Niemand muss diese Funktion benutzen.“ „Wäre auch noch schöner.“ Ich tippte kurz gegen meine Schläfe. „

„Wenn du Stress hast, erinnert sie dich zum Beispiel daran eine Pause einzulegen.“ „Wieso weiß eine Uhr, wann ich Pause machen muss?“ „Sie zeigt dir auch, wie du richtig atmest.“ „Nur Koma-Patienten verwenden Algorithmen zum Atmen.“ „Einatmen, wenn die Animation größer wird, ausatmen, wenn sie kleiner wird. Am Ende wird deine Herzfrequenz angezeigt.“ „Meine Herzfrequenzen geht niemanden außer mir was an“, regte ich mich auf. „Sollte sie zu hoch oder zu niedrig ist, wirst du benachrichtigt.“ „Das wars dann wohl mit der Pause“, merkte ich an. „Solltest du einmal stürzen, setzt die Uhr einen Notruf ab.“ „Nicht mal in Ruhe sterben kann man.“ „Du willst du sterben Mama?“ Laraina sah mich verwirrt an.  

„Mit so einer Uhr werde ich sterben“, korrigierte ich sie, „früher als geplant. Ich werde verlernen, selbständig zu atmen, mich eigenständig zu bewegen und mich so zu ernähren, wie es mir schmeckt. Ich werde am Tropf dieser Uhr hängen, die mich rumkommandiert und mir einredet nicht gut genug zu sein, wenn ich ihre Ziele nicht erreiche. Eines Tages dann werde ich entweder vor lauter Stress einfachen umfallen oder mir als frustrierte Sofakartfoffel nur noch Reality-Shows reinziehen.“ „Du musst diese Funktionen nicht verwenden“, wiederholte Laraina. „Wozu aber brauche ich dann so eine Uhr?“ Meine Tochter strich fast zärtlich über das Display, auf dem jetzt wieder die rosafarbene  Blüte zu sehen war. „Weil sie stylisch ist, Mama, schau sie doch an.“

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