Undercover

Dani aus Berlin ist geschieden, kinderlos und hat sehr viel Zeit. Zwei Stunden am Tag übt sie Yoga, dreimal die Woche unterrichtet sie Yoga. Den Rest der Zeit promotet sie sich auf ihrem Instagram-Kanal, denn obwohl bereits über 50 sieht sie mit ihrer schlanken Figur und in den knallbunten Yoga-Outfits ziemlich toll aus. Ich kontaktierte sie über den Facebook-Messenger und sie antwortete sofort. „Hallo Serafina“, sie benutzte tatsächlich meinen offiziellen Namen, „alles gut?“

„Alles merkwürdig“, schrieb ich zurück und rief ich sie über Facetime an. „Zu derselben Zeit, als mein Mann Karo angeblich in Rom war, hat meine Freundin Malika ihn in der Mongolei fotografiert.“ „Das kommt öfter vor, als du vielleicht denkst“, antwortete Dani, „mit meinem Ex hab ich ähnliches erlebt.“ „Dann hilfst du mir rauszufinden, ob Karo, beziehungsweise Herr Maibronner, für die ISIS GmbH arbeitet?“ „Klar“, sagte sie, „ich hab die Firma grad gegoogelt. Sie liegt in Berlin Mitte, gar nicht weit mir.“ „Zufälle gibts.“ „Ich würd’s eher als ein ein Zeichen sehen.“ Dann hörte ich mehrere Wochen nichts von ihr.

Drei Tage vor Weihnachten schickte sie mir ein Päckchen. Drinnen lag ein Buch „Im Alter fit und schön durch Yoga“ , das sie offenbar selbst verfasst hatte und ein dunkelgrauer, etwa daumennagelgroßer USB-Stick, den ich sofort in mein Tablet steckte. Er enthielt jede Menge Fotos und ein kurzes, von Dani besprochenes Audio-Memo.

„Als Außenstehende kann ich nur schwer beurteilen, wer in der ISIS GmbH welche Position innehat“, sagte sie. „Also habe ich mich dort für eine Woche als Aushilfe an der Telefonzentrale beworben. Die waren happy, dass jemand kurzfristig für eine erkrankte Kollegin einspringen konnte. Von der Geschäftsführung habe ich leider nur die Meier persönlich kennengelernt. Herr Maibronner ist nur sehr selten dort. „So gut wie nie“, sagt Gesa, eine Kollegin. Ich habe deshalb auch keine Fotos von ihm.“ 

Ich scrollte durch die Aufnahmen. Der Eingangsbereich der ISIS GmbH war mit Holzdielen ausgelegt, auf denen mannshohe Kakteen in knallgrünen Kübeln standen. Auch das Frontdesk war in hellen Holztönen gehalten, zu denen die dunkelrote Telefonanlage einen auffälligen Kontrast bildete. Die Geschäftsführerin erkannte ich sofort wieder. Sie war es tatsächlich. Frau Elisabeth Meier, die brünette Touristin aus dem Gorchi-Tereldsch-Nationalpark, die auf Malikas Foto neben dem Mann stand, den ich für Karo hielt. Diesmal trug sie einen eng geschnitten dunkelblauen Hosenanzug und blickte meistens ohne zu Lächeln in die Kamera. Scheisse.“ Für einen kurzen Moment wünschte ich mir blind zu sein. Doch war ich das nicht die ganzen Jahre über gewesen?

Ich öffnete ich das Textverarbeitungsprogramm auf meinem Laptop, wählte den größt möglichen Font in knallroter Farbe und begann zu tippen: „Herzlich Willkommen in der beschissensten Vorweihnachtszeit meines Lebens!“ Dann druckte ich den Text aus und klebte ich ihn mit Power Stribes an die Tür von Karos Büro.

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