Eine Kuh in der Großstadt

Heute Vormittag habe ich eine Kuh auf dem Stachus gesehen. Sie stand mitten auf der Fahrbahn und schaute in Richtung eines Plakats, auf dem ein fahrradfahrendes Ferkel abgebildet war. Der Verkehr störte sie nicht. Auch die Autofahrer beachteten sie nicht.

Die Kuh senkte ruhig ihren Kopf und stupste mit ihrer Schnauze ein paarmal gegen den Asphalt. Schließlich fand sie ein zerknülltes Stück Papier, über das sie kurz leckte und es dann auffraß. Sie war ein schönes Tier, schwarzweißgefleckt, mit einem großen Euter und dunklen, ruhigen Augen. Ich bückte mich und pflückte ein wenig Gras, das neben dem Bürgersteig wuchs. 

Ich wollte gerade die Strasse betreten, als ein kleines, circa fünf-jähriges Mädchen neben mir aufschrie: „Mama schau, da steht eine Kuh auf der Straße!“ „Mila, da ist keine Kuh“, sagte die Frau neben ihr, „du träumst wieder mal.“ „Da ist wohl eine!“ Mila war stehengeblieben und starrte das Tier fasziniert an, das gerade gemächlich auf das Plakat mit dem Ferkel zuging. „Das sind nur Autos,“ sagte die Mutter. „Natürlich steht da eine Kuh auf der Fahrbahn“, sagte ich. „Ihre Tochter hat recht.“ Die Frau war ungefähr zehn Jahre jünger als ich und trug eine auffällige, knallrote Kurzhaarfrisur, die mit feinen grünen Strähnen durchzogen war. Doch statt zu antworten warf sie mir nur einen kurzen, hektischen Blick zu, packte ihre Tochter fest am Arm und ging, nein rannte in Richtung U-Bahn. „Da ist eine Kuh“, plärrte das kleine Mädchen und versuchte vergeblich sich von dem festen Griff der Mutter zu befreien.„Tschüss Mila“, schrie ich hinter ihr her. 

Gerade als ich die Straße betreten wollte, um der Kuh das Gras zu bringen, kam ein riesiger, roter  Reisebus von rechts angerast. Nachdem er vorbei gefahren war, war das Tier nirgends mehr zu sehen. „Verdammt“, schrie ich. Ich schaute nach rechts, ich schaute nach links. Doch ich sah nur Autos, genau wie die Frau mit den roten Haaren gesagt hatte. Ich ging zu der Stelle, wo die Kuh gestanden hatte, und legte das Büschel Gras auf die Fahrbahn, ungefähr dort, wo vorher das zerknüllte Papier gelegen hatte. Ein Autofahrer machte eine Vollbremsung, ein anderer hupte und zeigte mir einen Vogel. „San’s deppert!“, schrie eine Frauenstimme. Ich hob den Kopf und blickte in das kreidebleiche Gesicht einer ziemlich jungen Autofahrerin mit einem auffälligen grüngemusterten Brillengestell. „Sorry“, sagte ich leise. 

Nachdenklich ging ich zurück zu meinem Auto, das ich auf dem Gehweg vor der Galeria Kaufhof geparkt hat. Und da war sie wieder. Sie stand mitten auf dem Gehweg und klatschte gerade einen riesigen Fladen auf die hellen Steinplatten. Seine säuerlichen Ausdünstungen stiegen mir in die Nase. Die Kuh blickte mich ruhig an. „Hallo“, sagte ich und strich über ihr glänzendes, geschecktes Fell. Sie legte ihren Kopf schräg und schmiegte sich an mich. „Vielleicht sollte ich sie mit nach Hause nehmen“, überlegte ich, „im Garten würde sie sich sicher wohl fühlen.“

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