Scheihnachten Teil II


Wir versuchen schon seit Stunden Heiligabend zu feiern, doch außer Kaffee in der silbernen Kanne habe ich noch nichts vorbereitet. Draußen ist es bereits stockdunkel. Laraina hängt gerade goldenes und silbernes Lametta in den Weihnachtsbaum. Karo hat einen mit Ballen genommen, da meine Kinder dem Baum nicht beim Sterben zusehen möchten. 

Karfiol schlingt mit hastigen Bewegungen helle LED-Lichterketten über die Äste, während ich kleine, bunt verpackte Geschenke dazwischen hänge. Laraina schenke ich zu Weihnachten neue, mit Swarovski Steinen besetzte Kreolen, Karfiol kriegt ein rotes Sweatshirt von Kenzo, auf dem vorne ein Tiger aufgedruckt ist und Schlafgut bekommt Knackwürste, die ich am Baum mit roten Schleifen befestige. Für Karo habe ich eine grüne Beanie aus Kashmirwolle ausgesucht. Sie trägt vorne die „Aufschrift Peace“. Vermutlich wird er sie genau deswegen nicht tragen wollen. Dabei steht Grün ihm wirklich gut. Die Nadeln pieksen. Als ich fertig bin, sind meine Hände voller Kratzer und roter Flecke. Warum hat Karo ausgerechnet eine Fichte ausgesucht?

Laraina stöhnt genau wie ich über die harten Nadeln. „Es blutet“, anklagend hebt sie ihren rechten Zeigefinger hoch. „Nimm Handschuhe“, rät Karfiol.  Gerade hat er eine sehr lange, knallbunte LED-Lichterkette mehrfach um den Baum gewickelt. Sie blinkt in Pink und Neongrün. Ich hasse Pink und ich hasse Neongrün. Dann fängt sie plötzlich an zu singen. „Jingle Bell“, quäkt eine Computer animierte Stimme. „Jingle all the time.“ „Hab ich selber programmiert“, Karfiol hantiert an dem Stecker, „man kann sogar die Lautstärke regeln.“ „Cool“, Laraina lutscht an ihrem blutenden rechten Zeigefinger und sieht ihren Bruder bewundert an.

Karo kommt mit einigen größeren Geschenken, die er in einer Sackkarre vor sich her fährt. Schlafgut taumelt hinter ihm her. „Wir stellen sie am besten unter den Baum“, schlage ich vor und inspiziere die Verpackung. Das meiste hat er bei Amazon bestellt. Schlafgut hebt den Kopf, denn sie hat die Würste am Baum bemerkt. Plötzlich, ohne erkennbare Anstrengung, erhebt sie sich für einige Zentimeter in die Luft und lässt sich mit ihrer ganzen Körperfülle gegen die Wurst fallen, die am tiefsten hängt. Der Baum wackelt einige Male hin und her. Fast scheint es, als würde er die Balance halten können, doch dann kippt er, beinahe lautlos, gegen die grob verputzte rote Ziegelwand mit dem Kamin. Die Spitze verbiegt sich mit einem leisen Knacken nach rechts und der „Jingle Bell“ Gesang stoppt abrupt. Vermutlich weil sich der Stecker in der Buchse durch den Sturz gelockert hat. „Gut gemacht Schlafgut“, ich tätschel der Bulldogge den Kopf. Sie grunzt zufrieden und schielt schon nach der nächsten Wurst. „Jetzt wisst ihr, warum ich keine echten Kerzen im Haus haben will“, sagt Karo. 

„Können wir nicht endlich essen, Mama?“ Laraina sieht noch blasser aus als sonst „Ich bereite schnell die Ente zu.“ „Kein Fleisch Mama“, stöhnt meine Tochter, „außerdem ist es schon nach acht.“ „Haben wir noch Pizza im Kühlfach?“ fragt Karfiol, „darauf hätte ich jetzt Bock.“ 

Ich schneide also die Pizza in längliche Dreiecke und serviere sie auf großen, bunten Tellern. Dazu trinken wir uralten Bordeaux aus Kristallgläsern. Anschließend packen wir die Geschenke aus. Karo tut, als würde er sich über die Beanie freuen, schenkt sie jedoch gleich an Laraina weiter. Die Nano Puff Jacke von Patagonia, die ich für ihn gekauft habe, scheint ihm jedoch zu gefallen. „Du gehst doch so gern Trekking“, sage ich in einem möglichst gleichgültigen Tonfall. „Trekking?“ er sieht mich überrascht an. „Ich dachte nur.“ Dann öffne ich die Schatulle mit dem Schmuck. Karo schenkt mir jeden Weihnachten welchen. Diesmal ist es eine Armbanduhr. Die fünfte in meiner Sammlung. „Vielen Dank“, wie jedes Jahr falle ich Karo auch diesmal um den Hals und Laraina macht ein Foto mit ihrem neuen IPhone. Unterdessen hat Karfiol die LED-Kette wieder an den Strom angeschlossen. Für den Rest des Abends blinkt der Baum in Pink und Neongrün, während die Computerstimme „Jingle Bell“ quäkt. Liebe ist, wenn man seine eigenen Bedürfnisse auch mal zurückstellen kann. Zumindest an Heiligabend. Morgen werde ich im ganzen Haus echte Kerzen verteilen.

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