Meine Mutter

Vor kurzem ist meine Mutter gestorben. Mitten im Winter, bei Temperaturen um die -20°C. Ich war sauer. Ist sie doch einfach fort gegangen, ohne vorher Bescheid zu sagen. Das hat sie immer so gemacht, ihr Leben lang. Sie war einfach sehr spontan. Wenn sie Lust hatte im Winter im See baden zu gehen, dann hat sie das gemacht. Und wir Kinder mussten mit, weil es ja so gesund ist. Gestorben ist sie allerdings nicht an einem Kälteschock sondern im Schlaf. Vermutlich war ihr langweilig. Denn was bleibt vom Leben übrig, wenn der Mann tot, die Kinder aus dem Haus und der See zugefroren ist? Ihre Anrufe habe ich meistens weggedrückt. Dafür erhielt ich dann lange Emails von ihr, die meistens so begannen: „Meine liebe Serafina,“ denn so heiße ich für alle, die nicht meine Blogs lesen. Und endeten mit: „Ich vermisse dich, mein lieber Spatz.“ Als wäre ich einer dieser schmutzigen, lauten Vögel, die tagtäglich unsere Terrasse vollkacken. Jetzt ist sie also tot und ich sollte sehr traurig sein.

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