Der Besuch

Heute habe ich bei Johannes Niederdorfer in der Seestraße 75b geklingelt. Es ist das dritte Klingelschild von links. „Hallo,“ sagt eine Männerstimme und ich höre das Summen des Türöffners. Ich trete in den Hausflur ein und gehe die Treppe hoch in den zweiten Stock. Es riecht nach Reinigungsmittel mit Veilchenzusatz, hundert Prozent Chemie. Erstaunlich, dass die Putzfirma immer noch dasselbe Mittel verwendet. Im Türrahmen steht ein kräftiger, dunkelhaariger Mann im Bob Marley T-Shirt und sieht mich misstrauisch an. „Ich möchte zu Peter“, sage ich zu ihm, „Peter Maiwald.“ „Waren Sie nicht letzte Woche schon hier?“ „Stimmt,“ antworte ich, „wie schön, dass Sie sich erinnern.“ „Und habe ich Ihnen da nicht bereits gesagt, dass ein Peter Maiwald hier nicht wohnt.“ Er scheint verärgert. „Ich lebe hier. Und zwar allein.“ Er macht einen Schritt auf mich zu, wobei er fester als normal auftritt. Vielleicht hofft er, ich würde davonlaufen. Tue ich aber nicht.

„Dies ist doch der zweite Stock“, sage ich, „die rechte Tür mit dem dunkelgrünen Rahmen.“ „Ich weiß, wie meine Tür aussieht“, brummt er. „Dann wohnt er hier“, beharre ich. „Sie irren sich.“ Er schaut mich irritiert an. So ähnlich hat mich meine Mutter als Kind angeschaut, wenn ich die Mortadellascheiben an die Fensterscheibe geklebt habe, anstatt sie zu essen. „Wenden Sie sich an die Hausverwaltung, wenn Sie Herrn Maiwald suchen.“ „Ich suche ihn nicht“, erkläre ich ihm. Die Finger von Herrn Niederdorfer klammern sich fest um den Türknauf aus Messing. „Die Wohnung gehört mir. Ich habe sie rechtmäßig erstanden.“ „Trotzdem wohnt Peter hier. Sie wollen das einfach nicht verstehen.“

Er versucht die Tür zu schließen. Doch ich setzte meinen Fuß auf die Schwelle und drücke mich blitzschnell an ihm vorbei. Dann spaziere durch den Flur ins Wohnzimmer. Den Weg kenne ich gut. Wie oft sind Peter und ich ihn gegangen. Er hatte seinen Arm um mich gelegt, ich lehnte mich an ihn, roch sein Aftershave von Trussardi und war glücklich. Ich trete hinaus auf den Balkon. „Hier haben wir uns das erste Mal geküsst“, sage ich. „Es war der 12. Juni 1981.“ „Das interessiert mich nicht“, schreit er. „Verlassen sie sofort meine Wohnung.“ Seine Gesichtsfarbe ist plötzlich rot mit einer leicht bläulichen Färbung. Ich stelle mich vor ihn hin und schaue ihm fest in die Augen. „Ich habe ein Recht auf meine Erinnerungen“, stelle ich klar. Dann gehe ich an ihm vorbei ins Schlafzimmer. Das Bett von Herrn Niederdorfer steht an genau derselben Stelle. Genau genommen ist es auch der einzige Ort in dem kleinen, rechteckigen Raum, wo ein Bett hin passt. Plötzlich sehe ich Peter auf dem weißen Laken liegen. Er winkt mich zu sich heran. Er ist nackt. Ich bin nackt. Eine magische Nacht, gefolgt von vielen anderen. Herr Niederdorfer steht dicht hinter mir, am ganzen Körper zitternd. „Wenn sie nicht sofort gehen“, brüllt er, „rufe ich die Polizei.“ Ich drehe mich zu ihm um und lächel ihn an. „Danke“, ich fühle mich leicht, als stünde ich auf einer Wolke. „Wissen Sie überhaupt, an was für einem wunderbaren Ort Sie hier leben?“

Dann verlasse ich die Wohnung und hüpfe fröhlich die Treppe hinunter. Unten auf der Straße singe ich laut die erste Strophe von „Wild horses“, meinem Lieblingslied von Patty Smith. Peter ist zurück. Ich fühle, wie er neben mir geht. Er hat seinen Arm um mich legt. Es ist, als sei er nie fort gewesen. Tote verschwinden nicht, weil sie tot sind. Sie verschwinden nur, wenn wir aufgehört haben an sie zu denken.

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