Psychologie

 

Gestern hatte ich ein langes Gespräch mit Schlafgut, unserer Bulldogge. Ich hab das Tier eigentlich sehr gern, doch ihr Gekeuche bei Nacht, die Hundehaare und Schleimfäden, die sie bei ihren nächtlichen Touren auf unserem Esstisch und anderen Möbelstücken hinterlässt, gehen mir auf die Nerven.  „Ich kann nicht ständig hinter dir her wischen“, herrsche ich sie an. Schlafgut öffnet kurz ihr linkes Auge. „Wieso denn nicht?“ „Ich hab besseres zu tun.“ „Dann lass es bleiben.“ „Hundehaare auf einer Tischdecke sind nicht hygienisch“, gebe ich ihr zu verstehen. Sie gibt ein tiefes Grunzen von sich, ähnlich wie ein Bauchredner. „Ich schlaf doch auch bei euch im Bett.“  Ich stoße einen leisen Schrei aus. „Untersteh dich.“ „Tagsüber“, ergänzt sie. „Wenn Laraina und Karfiol in der Schule sind, Karo im Büro arbeitet oder du in der Küche am Laptop sitzt.“ So einen langen Satz hätte ich ihr nicht zu getraut. „Du schwindelst“, widerspreche ich. „Wir machen immer die Tür zu, wenn wir nicht im Zimmer sind.“ „Ich komm trotzdem rein.“ Die Dogge reißt ihre Maul auf, als würde sie gähnen. Dann legt ihren Kopf zwischen ihre Vorderpfoten, schließt die Augen und beginnt laut zu schnarchen. Das Gespräch ist beendet.

Schlafgut

 

Letzte Woche stand Laraina am frühen Morgen vor meinem Bett. Ihr Gesicht war zu Zweidrittel von einer großen, dunkelgrünen Schleife verdeckt. „Herzlichen Glückwunsch, Mama.“ Sie drückte mir ein Bündel in die Hand, das mit eben jener Schleife umwickelt war. Das Bündel schnarchte und hinterließ einen feuchten Abdruck auf meiner Bettdecke. Es war eine Bulldogge. „Ich hab aber erst nächste Woche Geburtstag.“ Der Hund lag mit geschlossenen Augen neben mir, die Schnauze tief in mein Kopfkissen vergraben. Nur ein einziges Mal öffnete er einen kurzen Moment lang das rechte Augenlid. Die grüne Schleife zitterte im Takt seiner heftigen, stoßartigen Atemzüge. „Er ist doch nicht etwa krank?“ Laraina verdrehte die Augen. „Er ist mein Geburtstagsgeschenk, Mama.“ Mein Geburtstag ist aber erst nächste Woche“, wiederholte ich. „Du könntest dich wirklich etwas freuen.“ Sie schien gekränkt und beugte sich vor, um die Bulldogge über den Kopf zu streicheln. „Ist sie nicht süß?“ Sie lächelte, als hätte sie gerade die Erlaubnis erhalten, die teuren Nougat-Schokoeier von Lind schon an Weihnachten shoppen zu dürfen. „Schläft er eigentlich immer?“ Laraina nickte. „Immer“, sagte sie ernst, „behauptet jedenfalls Nicoles Mutter, die bisherige Besitzerin. Sie ist allergisch auf Hunde.“

Ich habe allerdings den Eindruck, dass Schlafgut lediglich das Tageslicht anstrengend findet. Beinahe jede Nacht wache ich davon auf, wie er über die Dielenfliesen und das Wohnzimmerparkett tapst und dabei röchelt wie eine defekte Klospülung. An allem, was er beschnuppert, hinterlässt er feine, feuchte Fäden aus Schleim. Mit Vorliebe scheint er auf dem Esszimmertisch zu liegen, von wo aus er den gesamten hinteren Teil des Gartens überblicken kann. Zumindest finde ich morgens jede Menge Hundehaare auf dem Tischläufer zusammen mit den Rückständen seines Schleims. Keine Ahnung, wie Schlafgut mit seinen kurzen, krummen Beinen es schafft, den hohen Tisch zu erklimmen. Vielleicht gehört er ja in Wahrheit zur Gattung der Megachiroptera, einer Art nachtaktiver Flughund, der tagsüber in Bäumen hängend schläft und sich ausschließlich vegetarisch ernährt. Letzteres ist bei Schlafgut bislang nicht der Fall. Doch ich arbeite daran.

 

Selfless Selfies

Was soll ich über meine Tochter schreiben? Laraina ist ungefähr fünfzehn Jahre alt und hat es geschafft aus Schlafgut, unserer Bulldogge, innerhalb von drei Monaten einen Instagram-Star zu machen. Wieso, haben mich meine Freundinnen schon öfter gefragt, lässt ein weiblicher Teenager einem sabbernden Hund den Vortritt, statt selber zum Star zu werden? Noch dazu einer Bulldogge, die die meiste Zeit auf irgendwelchen Teppichen herumliegt und im Wesentlichen zwei Posen beherrscht: Augen zu (meistens) und Augen auf (manchmal). Hat die junge Dame vielleicht ein Problem mit ihrem Aussehen? Hat sie nicht. Denn Lahaina ist bildhübsch und eitel. Vor wichtigen Dates verbraucht sie mehr Make-up als ich in einer Woche. Sie liebt bunte Sneaker, knallenge T-Shirts und mit Blümchen bestickte Jeans. Die Jungs drehen sich auf der Straße nach ihr um und sie weiß das auch. Doch es gibt nunmal eine Sache, die sie absolut und gar nicht mag: Und das sind Selfies.