Treffer versenkt

Heute morgen beim Frühstück trug Karfiol, der dunkle Farben normalerweise bevorzugt, ein leuchtend rotes T-Shirt. Karo war wieder mal auf Reisen und wir aßen unser Müsli zu dritt.„Rot wie die Liebe“, lästerte ich, woraufhin mein Sohn fast so rot wurde wie sein Shirt. „Treffer versenkt.“ Ich warf ihm einen liebevollen Blick zu, doch Laraina erklärte mir, dass meine Ausdrucksweise absolut unangemessene sei. „Voll martialisch, Mama, wie kannst du nur.“ „Beim Gaming verwenden wir diesen Ausdruck auch“, erklärte Karfiol. Laraina warf ihm einen trotzigen Blick zu. „Mama ist aber keine Gamerin.“ „Ich finde Mütter müssen die gleichen Rechte haben wie Gamer“, sagte ich und schenkte mir meine dritte Tasse Kaffe ein. Karfiol sah uns beide genervt an. „Wie heißt sie denn nun“,fragte ich ihn. „Wer?“ „Na deine Angebetete?“ Karfiol senkte den Kopf und deutete schweigend auf die Aufschrift auf seinem T-Shirt. „Shit“, stand dort in schwarzen handtellergroßen Buchstaben . „Schon wieder vorbei?“ Er nickte. „Hätte mich auch gewundert!“ Laraina hatte beide Hände in ihr Kinn gestützt und sah ihren Bruder mitleidig an. Sie trug heute Zöpfe, weshalb sie aussah, als wäre sie höchstens dreizehn. „Sie ist nämlich echt okay.“ „Ist sie nicht.“ Karfiol sah immer noch auf sein T-Shirt hinunter. „Sie ist nichts weitere als eine blöde Instatusse.“ „Lisa sieht toll aus“, widersprach Laraina, „und ihr Channel hat fast 10.000 Follower. Dir folgen auf Youtube nur 97.“ „Ich liefere ja auch Content statt Kosmetikbla.“ „Lisa bietet nur nachhaltige Produkte an, die ohne Tierversuche hergestellt werden.“ „Ihr müsst wissen, was ihr euch ins Gesicht schmiert.“ „Ich werd später mal auf ihrem Instagram-Kanal vorbeischauen“, informierte ich meine Kinder. „Nein Mama“, riefen sie fast gleichzeitig.“ „Doch“, widersprach ich. „Immerhin hat Lisa erreicht, dass Karfiol heute eine andere Farbe trägt als Schwarz.“ Woraufhin Karfiol erneut rot wurde. Zufrieden lehnte ich mich zurück. Treffer versenkt, wieder mal.

Zufall

Schon vor ein paar Wochen schon hatte ich eine Mail an Malika geschrieben: „Can you tell me more about the man in the green checked cashmere sweater? He is on that photo you sent me from your last tour through the Tereldsch-Nationalpark. Do you know his name? Where does he come from?“ 

Heute morgen dann endlich ihre Antwort: „Sorry for my late reply, but it took some time to find the documents of that tour. His name is Juergen Maibronner and at the time he was traveling with me, he lived in Berlin.“

„Are you sure?“ schrieb ich zurück.

„Absolutely“, antwortete sie, „he showed me his passport.“

„And what about the woman next to him?“ fragte ich, „the brunette one.“

„You really have an issue, do you?

„Juergen Maibronner looks exactly like my husband Karo.“

„But they are not identical,“

„They have different names.“

„Lucky you“, schrieb Malika und setzte noch ein Smiley dahinter. “By the way, the woman’s name is Elisabeth Meier, she is his girlfriend. Very nice woman. He on the contrary was a bit strange.“

„Why?“

„He was  speaking on the phone all day long and hardly ever talked to his girlfriend.“

Malika hatte gerade Karo beschrieben.

„I guess I do have an issue“, antwortete ich. „Thanks for letting me know.“

„Always happy to help.“

Ich setzte mich aufs Sofa. Mir war plötzlich schwindelig. Tisch, Stuhl, Teppich, das Sofa auf dem ich saß, begannen ineinander zu verschwimmen, breiteten sich über mich aus wie eine löcherige Decke. Hilflos heulte ich los.

Hatte Karo einen Doppelgänger?

Waren sie vielleicht Zwillingsbrüder, von denen der eine adoptiert worden war?

Hatte Karo sich für die Mongoleireise einen zweiten Pass gekauft?

Oder ist alles nur ein Zufall.

Es gibt keine Zufälle!

„Mama, was ist los mit dir?“, Laraina betrat mit Schlafgut im Schlepptau das Wohnzimmer und sah mich argwöhnisch an.

„Nichts“, antwortete ich.

„Dafür siehst du ganz schön scheisse aus.“

Auch Schlafgut würdigte mich eines langen Blickes.

Das will was heißen.

Jack Wolfskin III

Sie ist weg. Dabei habe ich sie gestern, als ich nach Hause kam, in meinen Schrank gehängt, ordentlich neben meinen alten Trenchcoat Mantel mit dem neuen Burberry Futter, das mir eine Schneiderin eingenäht hätte. Karo sieht mich ruhig an: „Du hast sie wahrscheinlich irgendwo liegen lassen.“„Ich hab sie auf einen Bügel gehängt, genau hier“, ich deute auf die bügellose Stelle zwischen Trenchcoat und Lederjacke. „Hier war einmal ein Bügel. Karfiol kann das bezeugen. Er fragte mich, wieso ich beige trage.“ „Du hast sie sicher verlegt.“„Nein“, meine Stimme wird etwas lauter, „sie hat genau hier gehangen.“ Karo wirft mir einen müden Blick zu. „Hattest du nicht gesagt, sie sei dir zu klein.“ „Seit wann kümmerst du dich darum, ob mir meine Kleidung passt. Es würde dir nicht einmal auffallen, wenn ich nackt rum liefe.“ „Bloß nicht“, er sieht mich erschrocken an. „Eine Jacke verschwindet nicht spurlos“, beharre ich, „nicht einmal wenn sie von Jack Wolfskin ist.“ 

Warum unser Planet nun doch nicht untergeht

Laraina trägt neuerdings Zöpfe und sie schminkt sich nicht. Dazu trägt sie Ringel-T-Shirt und eine schlecht sitzende Jeans. „Deine neue Frisur erinnert mich an Pippi Langstrumpf“, sagte ich ihr heute beim Abendbrot. „Pippi hat rote Haare“, merkt meine Tochter an und häuft die Radieschenscheiben auf ihrem Teller zu schiefen Stapeln, um sie auf ihr Knäckebrot zu legen . Karfiol schaut kurz von dem Display seines Smartphones hoch.„Laraina wird die neue Greta“, klärt er mich auf. „Deswegen also diese albernen Zöpfe? Demnächst trägt sie sicher Bommelmütze.“ „Wir haben Sommer Mama“, Laraina beißt energisch in ihr Knäckebrot, dabei verrutschen die Radieschenscheiben, eine fällt vom Tisch herunter auf den Fußboden, wo Schlafgut liegt und anfängt zu schnaufen. Gemüse jeglicher Art sind ihr ein Gräuel. „Lern lieber Englisch“, schlage ich meiner Tochter vor. „Greta Thunberg spricht ein fantastisches Englisch.“ „Laraina auch“, verteidigte Karfiol sie schnell. „Im letzten Zeugnis hatte sie hat eine Drei Minus,“ ich runzel die Stirn, wie Mütter das machen, wenn sie streng aussehen wollen. „ Für die Weltklimakonferenz reicht das nicht.“ Schnell sichere ich mir den letzten Ziegencrottin, bevor Karfiol ihn mir wegschnappen kann.

Laraina  stützt ihre Hände auf die Tischplatte. „Worum geht’s hier eigentlich?“, mault sie. „Unsere Erde geht den Bach runter und du regst dich auf, weil mein Englisch nicht gut genug ist.“ Ich schüttel meinen Kopf. „Die Erde wird nicht untergehen, keine Sorge.“ Laraina schaut mitleidig zu mir rüber. „Das ist längst wissenschaftlich bewiesen, Mama.“ „Es sind die Wissenschaftler, die untergehen werden“, korrigiere ich sie, „nicht unser Planet.““Ahhh“, wenn Laraina schreit, klingt ihre Stimme wie eine Kreissäge auf Speed. Karo, der schon die ganze Zeit mit irgendjemand telefoniert hat, sieht sie entnervt an. „Sssht“, „Mama spinnt“, jammert meine Tochter. „Das merkst du erst jetzt?“ Karo wendet sich wieder seinem Geschäftspartner zu. „Yes, Peter, I fully agree with you.“ 

„Die Wissenschaft“, sage ich langsam, „wird diese die Zeitenwende nicht überleben, denn ihre Konzepte funktionieren nicht mehr. “ „Leugnest du etwa den Klimawandel?“ Karfiol schaut mich an, als hätte ich ihm gerade gestanden, das Internet gelöscht zu haben. „Wieso leugnen?“ frage ich. Karfiols Kopf sinkt nach vorne, sodass es fast seinen Teller berührt.  Dabei gibt er ein pfeifendes Geräusch von sich, ähnlich wie wenn ein Reifen Luft verliert. „Mama“, schreit jetzt meine kleine Kreissäge auf Speed. “Es ist Fakt, dass wir zu viel CO2 ausstoßen, es ist Fakt, dass sich der Planet aufheizt, es ist Fakt, dass, wenn wir so weitermachen wie bisher…“ „Das, was du Fakten nennst“, unterbreche ich sie. „sind nichts anderes als Konzepte. Sie wurden von Wissenschaftler erdacht und im Laufe der Zeit zur allgemein gültigen Wahrheit deklariert. Deine Fakten beruhen auf naturwissenschaftlichen Gesetzen, die von Mensch entwickelt wurden und mit Systemen gemessen und analysiert werden, die ebenfalls von uns Menschen konzipiert und produziert wurden. Es ist unser eigener Kosmos, der gerade untergeht, nicht der unseres Planeten. Der lacht sich vermutlich die ganze Zeit schief über uns.“ Ich schaue zu Laraina hinüber, die, den Blick starr auf ihren Teller gerichtet, Schlafgut mit Knäckebrotstückchen füttert.

„Doch eines Tages“, fahre ich fort, „wenn die Wissenschaft längst das Zeitliche gesegnet hat,  wird unser Planet erblühen. Wir werden erwachen und erstaunt feststellen, dass die Natur lebt, dass sie atmen, lieben und hassen kann. Uns wird klar werden, dass die Welt,  in der wir leben, kein Zombieparadies aus chemischen, biologischen oder physikalischen Formeln und Gesetzmäßigkeiten ist, sondern dass unser Planet ein Geschöpf ist, von dem wir Menschen nur ein klitzekleiner Teil sind. Vermutlich an diesem Punkt werden wir dann merken, dass die Erde in Wahrheit eine Scheibe ist.“ Ich werfe meinen Kindern einen triumphierenden Blick zu, doch ihre Plätze sind leer. Nur Karo sitzt noch am Tisch. Er telefoniert immer noch mit Peter und spricht gerade in das Mikro seines Headsets. „Sure“,er nippt hektisch an seinem Glas Weißwein, „sounds like a plan. I will send you my proposal within the next days.“ Langsam stehe ich auf, räume das Geschirr ordentlich auf das neue Bambustablett und trage es hinüber in die Küche.

Jack Wolfskin II

Heute habe ich Karo zufällig in der Sportabteilung eines Kaufhaus gesehen. Er hatte eine Jacke über seinem rechten Arm hängen. Khakifarbener Stretch-Fleece. Das optimale Kleidungsstück für Rentnerinnen in Spe, die im Gebirge nicht auffallen möchten. Dann entdeckte ich die Pfote auf dem Logo zusammen mit dem Schriftzug: Jack Wolfskin. Ich dachte sofort an die unbekannte Frau auf dem Foto aus dem Gorchi-Tereldsch-Nationalpark und folgte Karo in einiger Entfernung. Er ging zur Kasse, zahlte und ließ sich die Jacke in eine cremefarbene Papiertüte packen. 

Auf der Straße lief ich ihm wie zufällig entgegen. „Warst du einkaufen?“ Ich öffnete die Tüte einen Spalt und schaute hinein. „Ein Geschenk“, murmelte er. „Für wen?“ Er räusperte sich kurz. „Na für dich.“ „Karo, das ist Jack Wolfskin.“ Ich schaute so entsetzt, wie es mir möglich war. „Dann freut sich eben jemand anders drüber.“ Er zog seinen Autoschlüssel der Jackentasche und öffnete seinen BMW. „Kommt nicht in Frage.“ Ich entriss ihm die Tüte und setzte mich neben ihn auf den Beifahrersitz. „Die Jacke steht dir sicher hervorragend“, merkte er an. Ich holte das Teil aus der Tüte und breitete es auf meinen Schoß aus. Dann setzte meine Brille auf, um die Größe auf dem Label erkennen zu können. „Karo, sie ist zwei Nummern zu klein.“ Ich tat mein Bestes, um möglichst enttäuscht zu wirken. Er seufzte. „Dann tausch sie halt um.“ „Wieso kennst du eigentlich meine Größe nicht?“ Ich versuchte ihm direkt ins Gesicht zu sehen, doch er wandte den Kopf ab. „Wenn man dir einmal eine Freude machen will.“ Dann drückte er aufs Gaspedal und fuhr mit 80 Sachen gerade noch über Gelb.

Vom Ende der Zeit

Seit vorgestern habe ich eine neue Uhr. Von Karo. Er hat sie mir von einer Reise mitgebracht und das, obwohl wir seit einigen Wochen kaum miteinander reden. Er hatte mir das schmale Päckchen auf den Frühstücksteller gelegt und war dann wieder mal im Homeoffice verschwunden. Ich öffnete das Teil und starrte ratlos auf die SmartWatch in ihrer stylischen weißen Verpackung. „Was soll ich denn damit?“ „Ist doch cool, Mama“, sagte Laraina und wedelte mit ihrer linken Hand, an der sich dasselbe Modell befand. Karo hatte offensichtlich nicht nur mich versorgt. „Mit Uhren ohne Zifferblatt kann ich nichts anfangen“, ratlos betrachtete ich die leuchtende, rosafarbene Blüte auf dem Monitor von Larainas Uhr. „Kannst du einstellen, Mama.“ Sie strich über das Display, bis ein schwarzer Screen mit weißen Zeigern und einem orangenen Sekundenzeiger erschien. „Jetzt speichern.“ Sie drückte auf das kleine Rädchen am Rand und strahlte, als hätte sie gerade die Zeit neu erfunden. 

„Warum nicht gleich so“, seufzte ich erleichtert. „Weil so eine SmartWatch viel mehr kann, als nur die Zeit anzeigen. Du kannst telefonieren und sogar WhatsApp Nachrichten empfangen.“ „Kann ich mit meinem Smartphone auch.“ „Sie zeigt dir außerdem an, wieviel du dich am Tag bewegst und wieviel Kalorien du verbrauchst.“ „Die Uhr kontrolliert, ob ich zu fett bin?“ „Niemand muss diese Funktion benutzen.“ „Wäre auch noch schöner.“ Ich tippte kurz gegen meine Schläfe. „

„Wenn du Stress hast, erinnert sie dich zum Beispiel daran eine Pause einzulegen.“ „Wieso weiß eine Uhr, wann ich Pause machen muss?“ „Sie zeigt dir auch, wie du richtig atmest.“ „Nur Koma-Patienten verwenden Algorithmen zum Atmen.“ „Einatmen, wenn die Animation größer wird, ausatmen, wenn sie kleiner wird. Am Ende wird deine Herzfrequenz angezeigt.“ „Meine Herzfrequenzen geht niemanden außer mir was an“, regte ich mich auf. „Sollte sie zu hoch oder zu niedrig ist, wirst du benachrichtigt.“ „Das wars dann wohl mit der Pause“, merkte ich an. „Solltest du einmal stürzen, setzt die Uhr einen Notruf ab.“ „Nicht mal in Ruhe sterben kann man.“ „Du willst du sterben Mama?“ Laraina sah mich verwirrt an.  

„Mit so einer Uhr werde ich sterben“, korrigierte ich sie, „früher als geplant. Ich werde verlernen, selbständig zu atmen, mich eigenständig zu bewegen und mich so zu ernähren, wie es mir schmeckt. Ich werde am Tropf dieser Uhr hängen, die mich rumkommandiert und mir einredet nicht gut genug zu sein, wenn ich ihre Ziele nicht erreiche. Eines Tages dann werde ich entweder vor lauter Stress einfachen umfallen oder mir als frustrierte Sofakartfoffel nur noch Reality-Shows reinziehen.“ „Du musst diese Funktionen nicht verwenden“, wiederholte Laraina. „Wozu aber brauche ich dann so eine Uhr?“ Meine Tochter strich fast zärtlich über das Display, auf dem jetzt wieder die rosafarbene  Blüte zu sehen war. „Weil sie stylisch ist, Mama, schau sie doch an.“

Terrassentür

„Du hast die Terrassentür aufgelassen.“ Das war Karo. Er redet also wieder mit mir, nach 14 Tagen  hartnäckigen Schweigens. „Ich habe die Terrassentür nicht aufgelassen“, antwortete ich, „sie ist von selbst aufgegangen.“ „Warum hast du sie dann nicht geschlossen.“ „Weil draußen Frühling ist“, antworte ich.  „Auch nachts?“ Er wirft mir einen ironischen Blick zu. „Nachts hättest du sie genauso zumachen können“, sage ich, „da arbeitest du ja nicht.“ Er steht vom Frühstückstisch auf und geht wieder mal in sein Homeoffice.  „Tür zu!“, schreie ich sicherheitshalber hinter ihm her, doch da hat er sie bereits mit einem lauten Knall hinter sich ins Schloss fallen lassen. Die Gläser klirren in der Anrichte und Schlafgut öffnet für eine Millisekunde ihr linkes Augen. Ich schaue hinaus in den Garten. Die Terrassentür ist immer noch auf. Vielleicht geht sie ja von alleine wieder zu. 

Brillendisput

Jetzt habe ich schon dreimal hintereinander die falsche Telefonnummer gewählt. Doch nicht, weil ich vor lauter Hektik immer wieder auf die Wahlwiederholung gedrückt habe, sondern weil die Ziffern zu klein gedruckt sind. 

„Mama, du brauchst eine Brille“, sagt Karfiol entnervt, denn es war er, den ich angerufen hatte. „Ich hab schon eine“, sage ich. „Wahrscheinlich nur für die Ferne“, antwortet er. „Ich bin nicht weitsichtig.“ Ein leises Aufstöhnen am anderen Ende. „Dann brauchst du eben eine Brille für die kurzen Distanzen.“ „Was zwei Brillen?“ Ich kann die eine doch schon nicht leiden. „Du kannst die jetzige ja verschenken.“ „Wer will schon eine Brille, die so schwer ist, dass sie Abdrücke am Nasenbein hinterlässt?“, sage ich. „Dann nimm halt Kontaktlinsen.“ „Du rätst mir zu Fremdkörpern in meinem Auge?“, fast hätte ich losgekreischt wie Laraina beim Anblick einer Maus. „Oder lass dich lasern.“ Damit meine Sehkapazität vollends den Bach runter geht. „Nein Danke“, sage ich. „Mach doch, was du willst“, Karfiol Geduld scheint am Ende, „nur ruf ich mich nicht ständig an.“ „Aber wenn ich’s doch nicht lesen kann.“ „Mama, wähl hinten die 6 statt der 5, dann erreichst du Papa. Der war es doch, den du anrufen wolltest oder?“ „Ja“, sage ich erleichtert „warum hast du das nicht gleich gesagt.“

Jack Wolfskin


Seit zehn Tagen redet Karo nicht mit mir, und er ist nicht einmal verreist. Nachts schläft er in seinem Homeoffice, auf der Couch. Hier nimmt er auch sein Frühstück ein, an seinem Schreibtisch. Wo er zu Abend isst, weiß ich nicht. Karfiol hat ihn angeblich bei Mc Donalds gesehen, dabei hasst Karo doch Burger. Sagt er jedenfalls. Aber vielleicht stimmt das nicht. Genauso wenig wie andere Dinge, die er erzählt.

Malika, eine meiner Instagram Bekannten, hat nämlich neulich ein Foto von ihrer letzten Mongolei-Tour durch den Gorchi-Tereldsch-Nationalpark gepostet. Ein Mann aus ihrer Gruppe sah dabei genauso aus wie Karo. Ich habe ihn an dem violett grün karierten Kaschmirpullover erkannt, den ich ihm zu seinem letzten Geburtstag geschenkt habe. Blöd nur, dass Karo genau in der Zeit von Malikas Tour angeblich in Rom war. 

Karo hat natürlich alles abgestritten. „Viele Leute tragen so einen Pullover“, behauptete er. „Nein“, antwortete ich, „die meisten tragen Jack Wolfskin. Auch die brünette Frau neben dir. Wer ist das überhaupt?“ „Eine brünette Frau?“ Er sah mich irritiert an. „Wie ein Mann sieht sie jedenfalls nicht aus“, merkte ich an. „Seit wann stehst du übrigens auf Frauen, die Jack Wolfskin tragen?“ Das war das letzte Mal, dass wir gesprochen hatten..

Ist er nun beleidigt, weil ich den Geschmack seiner Freundin grenzwertig finde?

Ist sie vielleicht doch ein Mann?

Hat er sich heimlich klonen lassen und war in Wahrheit doch in Rom?

Oder ist alles ganz anders?

Wie immer. Er hätte mir jedenfalls eine Ansichtskarte schreiben können!