Rutschig

Drei Tage lang hat es ununterbrochen geschneit. Heute scheint das erste Mal die Sonne. Gott sei Dank. Ich will mit Karoline, meiner Nachbarin, spazieren gehen. Das heißt, ich hab es ihr vorgeschlagen. Sie will eigentlich nicht. Doch ich habe sie unter dem Vorwand, ihr meine neue Stiefeletten zu zeigen, zu mir gelockt. Und jetzt – Bäm! – ist sie dabei. 

Meine neuen Schuhe sehen aber auch fantastisch aus. Dunkelblaues Wildleder, schmaler Absatz und ein kleines Schleifchen an der Seite. „Wirklich süß“, meint Karoline. „Damit willst du wirklich bei diesem Wetter durch den Englischen Garten stöckeln?“, dieser Satz kann nur von Karfiol stammen, meinem Sohn. Ich schaue ihn an. Dunkler Hoodie wie immer und an den Füßen klobige Doc Martens mit verstärkter Ferse und Profilsohle. „Nur unsportliche Leute tragen solche Boots“, weise ich ihn zurecht. Dann mach ich mich mit Karoline vom Acker. Karfiol hält sein Handy in unsere Richtung, während wir über den eisigen Weg in Richtung Park schlittern. 

„Macht Spaß oder?“ frage ich Karoline nach einer Weile. Aber sie antwortet nicht. Dabei trägt sie Schuhe mit flachen Absätzen. Irgendwann will sie umkehren. Doch ich laufe mit erhobenem Kopf weiter über das rutschige Eis, wobei ich meine Schritte sehr konzentriert und genau platziere. Ich fühle mich wie eins dieser Mädchen aus der Modelsendung, die Laraina manchmal schaut. Vielleicht die Idee für eine neue Challenge: Sich mit High-Heels anmutig über einen Laufsteg aus Eis bewegen. „Ist das bescheuert oder ist das bescheuert?“, frage ich Karoline, die lustlos hinter mir her rutscht. „Nach diesem Spaziergang sind deine Schuhe hin“, unkt sie gehässig. „Möglich“, antworte ich, „vielleicht aber sind sie dann erst richtig eingelaufen.“

Mikrometertakt!

Den ganzen Tag schon war ich sauer. Keine Ahnung warum. Trotzdem habe ich gelächelt. Karo hat seinen Guten-Morgen-Kuss bekommen und Larainas Katastrophen-Outfit kommentierte ich mit: „Wirklich besonders, Liebes.“ Selbst Schlafguts Gesabber belohnte ich mit einem Lächeln, was ihr jedoch egal zu sein schien.  Als ich später dem Elektriker erklärte, dass die neue Leitung für Karos Homeoffice nicht durchs Schafzimmer laufen sollte, lächelte ich immer noch. Auch dann, als er mir erklärte, dass es zum Schlafzimmer keine Option gibt. Mittags taten mir bereits die Mundwinkel weh.

„Kann man vom Lächeln Muskelkater bekommen“, fragte ich Karoline, meine Nachbarin, die ich beim Shoppen auf dem Marienplatz zufällig traf. „Gibt es Muskeln in den Mundwinkeln?“ fragte sie zurück. „Das genau wollte ich von dir wissen“, erwiderte ich.

Später fuhr, nein stand ich von München nach Hause. Stossstange an Stossstange und neben mir auf der Zubringerspur jede Menge andere Autos. Doch ich lasse niemanden rein. Verbissen verteidige ich meinen Platz. Da hilft kein Blinken, kein Hupen und auch kein Stinkefinger! Mit konzentrierter Miene starre ich auf die Stossstange meines Vordermanns. Sobald sie sich einen Mikrometer vorwärts bewegt, bewege auch ich meinen Wagen im Mikrometertempo. Larymond first. Hab mich lange nicht mehr so gut gefühlt!

Straßen und Baustellen

Vier Monate ist es her, dass Karo mir den neuen BMW geschenkt hat. In der ganzen Zeit habe ich es nicht geschafft, schneller als 150 Stundenkilometer zu fahren. Meistens fahre ich 50  (Ortschaften) oder 30 (verkehrsberuhigte Zone) oder stehe (Stau). Letzteres ist meistens der Fall. Es wird darauf hinauslaufen, dass sie irgendwann die Straßen ganz abschaffen. Dann stehen wir in unseren BMWs nur noch auf Baustellen rum, hören Musik mit unseren Headphones und warten auf den Tag, an dem die Bauarbeiten beendet sein werden. Die Baufirmen wissen natürlich, dass dieser Tag niemals kommen wird. Irgendwann, wenn das ganze Land umgegraben und in eine Megabaustelle verwandelt wurde, werden wir Autofahrer plötzlich merken, dass wir in unseren tollen Superschlitten auf einer kleinen, einsamen Insel leben, umrundet von nichts anderem als Baggern, Planierraupen und Bergen von Schutt. Vielleicht sollte ich einfach mehr joggen gehen.

Burkini

 

Frankreich möchte den Burkini verbieten und alle regen sich auf. Ich auch. Warum sollen wir am Strand nicht mehr tragen dürfen, was wir wollen? Neulich am Starnberger See habe ich am Ufer ein singendes Fischstäbchen getroffen, das für irgend so eine Tiefkühlfirma Promotion machte. Es war in eine Art bräunlich glitzerndes Ganzkörperkondom gekleidet. Auch eine Art Burkini, oder? Doch Fischstäbchen beten nicht zu Allah. Wozu sie also verbieten? Dabei sind sie scheiss ungesund, voll mit Fischabfällen und fettiger Panade, die wiederum äußerst förderlich sind für Zellulitis und Schwabbelbauch, die niemand im Sommer am Strand sehen mag. Dagegen hilft nur eins: Schicke Burkinis für Männlein und Weiblein müssen her. In schlichtem Schwarz, Pink oder raffiniertem Leo. Dann macht der Sommer wieder Spaß! 

Play the Game – Win the Game

 

Heute morgen war ich im Supermarkt einkaufen. Mit meinem neuen BMW, den Karo mir zum Geburtstag geschenkt hat. Als ich zurückkam, hatte ein junger Mann die rechte Seite meines Autos mit einem Schlüssel zerkratzt. Er stand noch daneben. Der Schlüssel baumelte in seiner Hand und er hatte das hässlichste T-Shirt an, das ich je gesehen hatte. Es war bedruckt mit einer bunten Teufelsmaske vor einem ebenso bunten Spielautomaten und trug die Aufschrift: „Play the game – Win the game“ in Silber und geschnörkelt. Er tat mir so leid. „Ich kaufe ihnen ein neues T-Shirt“, bot ich ihm an. Er schien überrascht: „Es ist doch gar nicht kaputt.“ Ich weiß nicht wieso, doch plötzlich hatte ich eins der Eier aus meinen Einkäufen in der Hand und warf es auf sein T-Shirt. Zäh tropfte das Eigelb an ihm herunter und verklebte die Teufelsmaske. Ich warf noch ein Ei, noch eins und noch eins, bis der junge Mann sich umdrehte und weglief. 1:0 für mich, denn Eidotter lässt sich nicht rückstandsfrei aus Kleidung entfernen.

Schnupfen

 

Manchmal wache ich morgens auf und denke ich träume. Manchmal schlafe ich abends ein und denke ich, ich bin wach. Es gibt auch Momente, da weiß ich nicht, ob ich wach bin oder träume. Das liebe ich am meisten, denn es fühlt sich an wie Zuckerwatte essen, ohne an den Karies zu denken, der die Folge sein könnte. Die Betonung liegt auf könnte. Dem Konjunktiv, der mein Leben zu bestimmen scheint. Du könntest träumen, tust es aber nicht, du könntest wach sein, bist es aber nicht: Ein Leben im Zwischenzustand – warm und angenehm. Wenn nur die ständige Zugluft nicht wäre. Hat jemand vielleicht ein Taschentuch für mich?

HATSCHI!!!