Taubenplage

Eigentlich sind Tauben ja süß. Wenn sie nur nicht so häßlich wären. Ich kann ihr graues Gefieder nicht ausstehen, das den Eindruck vermittelt, als würden sie sich nie waschen. Ständig blicken sie an dir vorbei mit diesen fiesen hinterhältigen kleinen Augen. Ihr Gurren ist zu laut, denn sie haben null Respekt. Überall findet man ihre Federn, auf Fußwegen, Fahrradwegen, auf Bänken, auf dem Gras in Park, auf den Tischen im Biergärten, ja sogar auf Park- oder Schrottplätzen. Tauben scheinen sich überall zuhause zu fühlen. Zumindest kacken sie überall hin. Neulich sogar auf meinen Kopf. Und es werden immer mehr. Tauben sind wie Menschen. Habe ich schon erwähnt, wie sehr ich Tauben hasse?

Meine Farben

Wäre ich eine Malerin, hätte  ich mindestens einen Schrank voller Skizzenblöcke. 150g Papier mit Spiralbindung oder Kopfleimung, natur oder weiß. Statt in der Küche am Laptop zu hocken würde ich mit Bunt-, Filz- oder Aquarellstiften farbenfrohe Bilder auf Papier zaubern. Fröhliche Sonnen, tanzende Schmetterlinge, Frauen beim Sonnenbaden. Wäre ich eine Malerin, hätte ich ein Faible für das Strahlende, Optimistische. 

Doch ich bin keine Malerin, ich kann nicht einmal zeichnen. Erst neulich habe ich etwas auf die Rückseite eines Briefumschlags gekritzelt, den mir eine Versicherung zugeschickt hatte. Ich benutzte einen blauen Kugelschreiber. Doch statt wie beabsichtigt gerade Linien zu zeichnen, war das Papier am Ende voll mit Kurven, die weder einen erkennbaren Anfang noch ein Ende hatten. 

„Hässlich,“ kommentierte Laraina. „Spagetticode“, rümpfte Karfiol die Nase, “hättest du den für eine Maschine geschrieben, würde ich sie sofort zum Wertstoffhof bringen.“ „Ich hab sie aber nicht programmiert.“ „Glück gehabt“, grinste Karfiol. „Was für eine Maschine?“ fragte Laraina. 

Ich warf meinem Sohn einen hinterhältigen Blick zu: „Aber Programmieren kann man lernen, oder?“ „Sicher“, sagte Karfiol. „Vielleicht sollte ich das“, überlegte ich. „Du?“ fragten meinen beiden Kinder fast gleichzeitig. „Dann könnte ich endlich strahlende, bunte Bilder generieren. So was läßt sich doch programmieren oder?“ Karfiol seufzte hörbar aus. „Hast du es schon mal mit Buntstiften probiert?“ Ich nickte. „Eine zeitlang klappte es ganz gut, doch dann sind die Stifte vorne abgebrochen.“ Laraina erhob sich. „Du hast eben zu stark aufdrückt, Mama.“ Sie drückte mir einen Kuss auf die Wange. „Ich muss los.“ „Ich auch“, sagte Karfiol. 

Nachdem sie den Raum verlassen hatten, blieb ich allein am Tisch sitzen. Ich schaute eine Weile auf das Gewirr meiner Zeichnung. Irgendwann hob ich den Blick, woraufhin sich die Zeichnung ebenfalls erhob und wie ein blaues Spinnennetze vor mir Raum schwebte. Ihre dünnen Fäden glitzerten im Sonnenlicht wie Tautropfen. Millionen winzig kleiner Regenbögen tanzten um sie herum. Plötzlich fingen die dünnen Fäden an zu schwingen. Kleine Miniaturseile, die schneller und schneller wurden, bis sie irgendwann nicht mehr als solche erkennbar waren. Vermutlich waren sie zu Wind geworden und mit den Regenbögen verschmolzen. Ich seufzte. Manchmal tut es wirklich gut, allein zu sein.


Jack Wolfskin II

Heute habe ich Karo zufällig in der Sportabteilung eines Kaufhaus gesehen. Er hatte eine Jacke über seinem rechten Arm hängen. Khakifarbener Stretch-Fleece. Das optimale Kleidungsstück für Rentnerinnen in Spe, die im Gebirge nicht auffallen möchten. Dann entdeckte ich die Pfote auf dem Logo zusammen mit dem Schriftzug: Jack Wolfskin. Ich dachte sofort an die unbekannte Frau auf dem Foto aus dem Gorchi-Tereldsch-Nationalpark und folgte Karo in einiger Entfernung. Er ging zur Kasse, zahlte und ließ sich die Jacke in eine cremefarbene Papiertüte packen. 

Auf der Straße lief ich ihm wie zufällig entgegen. „Warst du einkaufen?“ Ich öffnete die Tüte einen Spalt und schaute hinein. „Ein Geschenk“, murmelte er. „Für wen?“ Er räusperte sich kurz. „Na für dich.“ „Karo, das ist Jack Wolfskin.“ Ich schaute so entsetzt, wie es mir möglich war. „Dann freut sich eben jemand anders drüber.“ Er zog seinen Autoschlüssel der Jackentasche und öffnete seinen BMW. „Kommt nicht in Frage.“ Ich entriss ihm die Tüte und setzte mich neben ihn auf den Beifahrersitz. „Die Jacke steht dir sicher hervorragend“, merkte er an. Ich holte das Teil aus der Tüte und breitete es auf meinen Schoß aus. Dann setzte meine Brille auf, um die Größe auf dem Label erkennen zu können. „Karo, sie ist zwei Nummern zu klein.“ Ich tat mein Bestes, um möglichst enttäuscht zu wirken. Er seufzte. „Dann tausch sie halt um.“ „Wieso kennst du eigentlich meine Größe nicht?“ Ich versuchte ihm direkt ins Gesicht zu sehen, doch er wandte den Kopf ab. „Wenn man dir einmal eine Freude machen will.“ Dann drückte er aufs Gaspedal und fuhr mit 80 Sachen gerade noch über Gelb.

Vom Ende der Zeit

Seit vorgestern habe ich eine neue Uhr. Von Karo. Er hat sie mir von einer Reise mitgebracht und das, obwohl wir seit einigen Wochen kaum miteinander reden. Er hatte mir das schmale Päckchen auf den Frühstücksteller gelegt und war dann wieder mal im Homeoffice verschwunden. Ich öffnete das Teil und starrte ratlos auf die SmartWatch in ihrer stylischen weißen Verpackung. „Was soll ich denn damit?“ „Ist doch cool, Mama“, sagte Laraina und wedelte mit ihrer linken Hand, an der sich dasselbe Modell befand. Karo hatte offensichtlich nicht nur mich versorgt. „Mit Uhren ohne Zifferblatt kann ich nichts anfangen“, ratlos betrachtete ich die leuchtende, rosafarbene Blüte auf dem Monitor von Larainas Uhr. „Kannst du einstellen, Mama.“ Sie strich über das Display, bis ein schwarzer Screen mit weißen Zeigern und einem orangenen Sekundenzeiger erschien. „Jetzt speichern.“ Sie drückte auf das kleine Rädchen am Rand und strahlte, als hätte sie gerade die Zeit neu erfunden. 

„Warum nicht gleich so“, seufzte ich erleichtert. „Weil so eine SmartWatch viel mehr kann, als nur die Zeit anzeigen. Du kannst telefonieren und sogar WhatsApp Nachrichten empfangen.“ „Kann ich mit meinem Smartphone auch.“ „Sie zeigt dir außerdem an, wieviel du dich am Tag bewegst und wieviel Kalorien du verbrauchst.“ „Die Uhr kontrolliert, ob ich zu fett bin?“ „Niemand muss diese Funktion benutzen.“ „Wäre auch noch schöner.“ Ich tippte kurz gegen meine Schläfe. „

„Wenn du Stress hast, erinnert sie dich zum Beispiel daran eine Pause einzulegen.“ „Wieso weiß eine Uhr, wann ich Pause machen muss?“ „Sie zeigt dir auch, wie du richtig atmest.“ „Nur Koma-Patienten verwenden Algorithmen zum Atmen.“ „Einatmen, wenn die Animation größer wird, ausatmen, wenn sie kleiner wird. Am Ende wird deine Herzfrequenz angezeigt.“ „Meine Herzfrequenzen geht niemanden außer mir was an“, regte ich mich auf. „Sollte sie zu hoch oder zu niedrig ist, wirst du benachrichtigt.“ „Das wars dann wohl mit der Pause“, merkte ich an. „Solltest du einmal stürzen, setzt die Uhr einen Notruf ab.“ „Nicht mal in Ruhe sterben kann man.“ „Du willst du sterben Mama?“ Laraina sah mich verwirrt an.  

„Mit so einer Uhr werde ich sterben“, korrigierte ich sie, „früher als geplant. Ich werde verlernen, selbständig zu atmen, mich eigenständig zu bewegen und mich so zu ernähren, wie es mir schmeckt. Ich werde am Tropf dieser Uhr hängen, die mich rumkommandiert und mir einredet nicht gut genug zu sein, wenn ich ihre Ziele nicht erreiche. Eines Tages dann werde ich entweder vor lauter Stress einfachen umfallen oder mir als frustrierte Sofakartfoffel nur noch Reality-Shows reinziehen.“ „Du musst diese Funktionen nicht verwenden“, wiederholte Laraina. „Wozu aber brauche ich dann so eine Uhr?“ Meine Tochter strich fast zärtlich über das Display, auf dem jetzt wieder die rosafarbene  Blüte zu sehen war. „Weil sie stylisch ist, Mama, schau sie doch an.“

Terrassentür

„Du hast die Terrassentür aufgelassen.“ Das war Karo. Er redet also wieder mit mir, nach 14 Tagen  hartnäckigen Schweigens. „Ich habe die Terrassentür nicht aufgelassen“, antwortete ich, „sie ist von selbst aufgegangen.“ „Warum hast du sie dann nicht geschlossen.“ „Weil draußen Frühling ist“, antworte ich.  „Auch nachts?“ Er wirft mir einen ironischen Blick zu. „Nachts hättest du sie genauso zumachen können“, sage ich, „da arbeitest du ja nicht.“ Er steht vom Frühstückstisch auf und geht wieder mal in sein Homeoffice.  „Tür zu!“, schreie ich sicherheitshalber hinter ihm her, doch da hat er sie bereits mit einem lauten Knall hinter sich ins Schloss fallen lassen. Die Gläser klirren in der Anrichte und Schlafgut öffnet für eine Millisekunde ihr linkes Augen. Ich schaue hinaus in den Garten. Die Terrassentür ist immer noch auf. Vielleicht geht sie ja von alleine wieder zu. 

Brillendisput

Jetzt habe ich schon dreimal hintereinander die falsche Telefonnummer gewählt. Doch nicht, weil ich vor lauter Hektik immer wieder auf die Wahlwiederholung gedrückt habe, sondern weil die Ziffern zu klein gedruckt sind. 

„Mama, du brauchst eine Brille“, sagt Karfiol entnervt, denn es war er, den ich angerufen hatte. „Ich hab schon eine“, sage ich. „Wahrscheinlich nur für die Ferne“, antwortet er. „Ich bin nicht weitsichtig.“ Ein leises Aufstöhnen am anderen Ende. „Dann brauchst du eben eine Brille für die kurzen Distanzen.“ „Was zwei Brillen?“ Ich kann die eine doch schon nicht leiden. „Du kannst die jetzige ja verschenken.“ „Wer will schon eine Brille, die so schwer ist, dass sie Abdrücke am Nasenbein hinterlässt?“, sage ich. „Dann nimm halt Kontaktlinsen.“ „Du rätst mir zu Fremdkörpern in meinem Auge?“, fast hätte ich losgekreischt wie Laraina beim Anblick einer Maus. „Oder lass dich lasern.“ Damit meine Sehkapazität vollends den Bach runter geht. „Nein Danke“, sage ich. „Mach doch, was du willst“, Karfiol Geduld scheint am Ende, „nur ruf ich mich nicht ständig an.“ „Aber wenn ich’s doch nicht lesen kann.“ „Mama, wähl hinten die 6 statt der 5, dann erreichst du Papa. Der war es doch, den du anrufen wolltest oder?“ „Ja“, sage ich erleichtert „warum hast du das nicht gleich gesagt.“

Jack Wolfskin


Seit zehn Tagen redet Karo nicht mit mir, und er ist nicht einmal verreist. Nachts schläft er in seinem Homeoffice, auf der Couch. Hier nimmt er auch sein Frühstück ein, an seinem Schreibtisch. Wo er zu Abend isst, weiß ich nicht. Karfiol hat ihn angeblich bei Mc Donalds gesehen, dabei hasst Karo doch Burger. Sagt er jedenfalls. Aber vielleicht stimmt das nicht. Genauso wenig wie andere Dinge, die er erzählt.

Malika, eine meiner Instagram Bekannten, hat nämlich neulich ein Foto von ihrer letzten Mongolei-Tour durch den Gorchi-Tereldsch-Nationalpark gepostet. Ein Mann aus ihrer Gruppe sah dabei genauso aus wie Karo. Ich habe ihn an dem violett grün karierten Kaschmirpullover erkannt, den ich ihm zu seinem letzten Geburtstag geschenkt habe. Blöd nur, dass Karo genau in der Zeit von Malikas Tour angeblich in Rom war. 

Karo hat natürlich alles abgestritten. „Viele Leute tragen so einen Pullover“, behauptete er. „Nein“, antwortete ich, „die meisten tragen Jack Wolfskin. Auch die brünette Frau neben dir. Wer ist das überhaupt?“ „Eine brünette Frau?“ Er sah mich irritiert an. „Wie ein Mann sieht sie jedenfalls nicht aus“, merkte ich an. „Seit wann stehst du übrigens auf Frauen, die Jack Wolfskin tragen?“ Das war das letzte Mal, dass wir gesprochen hatten..

Ist er nun beleidigt, weil ich den Geschmack seiner Freundin grenzwertig finde?

Ist sie vielleicht doch ein Mann?

Hat er sich heimlich klonen lassen und war in Wahrheit doch in Rom?

Oder ist alles ganz anders?

Wie immer. Er hätte mir jedenfalls eine Ansichtskarte schreiben können!

Kommt in meine Welt

Mein Name ist Larymond. Meine Eltern nannten mich Serafina, doch das ist nicht so wichtig, jedenfalls für mich. Karo, mein Ehemann, kennt meinen wirklichen Namen nicht. Er nennt mich Mausi und meine Kinder sagen Mama zu mir. Was für eine seltsame Welt, in der man sich nicht bei seinem Namen nennt. Das ist auch der Grund, weshalb ich angefangen habe zu bloggen. Und zwar als Larymond.

Ich schreibe viel. Über das, was ich sehe und über das, was ich denke. Ich schreibe nicht über das, was die anderen sehen und auch nicht über das, was die anderen denken. Wobei ich manchmal den Eindruck habe, dass die meisten beides nicht beherrschen. Sie lassen andere für sich sehen und andere für sich denken. Am Ende wundern sie sich, dass sie gar nichts verstehen. Wobei es, genau genommen, nicht viel zu verstehen gibt. Man wird geboren, wird älter und stirbt. Dazwischen jede Menge Stress, wenns schlecht läuft und viel Langeweile, wenns gut läuft. Darum kultiviere ich die Langeweile. Ich mag es, wenn ich von ihr umhüllt werde wie von einem Kokon. Darin liegt für mich der eigentlich Sinn des Lebens. Irgendwann dann werde ich mich zu Tode gelangweilt haben und über mich lachen wie über einen gelungenen Witz. Währenddessen suchen andere immer noch nach der Pointe. Als wäre sie ein notwendiger Bestandteil dieses Spiels.

Kopfstände und Kronen

Laraina hatte mal wieder Lust ins Yoga zu gehen. Allein gehen wollte sie nicht und Sybil, ihre Freundin, hatte angeblich Mumps. Also musste ich mit.

Laraina hatte uns beide für einen „Vinyasa-Flow auf mittlerem Niveau“ angemeldet,der sich jedoch als Turbogymnastik mit Mantrasingen entpuppte. Angeheizt ..äh .. angeleitet von Jean-Paul, dem nach Meinung von Laraina „so besonders süßen Yoga-Lehrer“. „Ich hasse Liegestütze“, keuchte ich nach meinem zehnten Chaturanga. „Du hast sicher schon zwei Kilo verloren“, ermunterte meine Tochter mich. „Willst du damit sagen, dass nur dünne Frauen erleuchtet werden können?“ Laraina antwortete nicht, denn Jean-Paul hatte uns gerade einen missbilligenden Blick zugeworfen. Gespräche sind im Yogahimmel anscheinend nicht erwünscht.

Später sollten wir einen Kopfstand machen. „Geht nicht“, sagte ich zu Jean-Paul, der gerade an meiner Matte vorbeilief. „Probleme mit der Halswirbelsäule?“, fragte er.  Ich schüttelte den Kopf. „Es liegt an meiner Krone.“ Ich deutete oben auf meinen Kopf. „Sie zerbeult, wenn man sich auf sie daraufstellt.“ „Ich hol dir gern einen Feet-up“, erwiderte er. Damit meinte er ein Hocker ähnliches Gestell, in das man sich kopfüber einhängt wie eine Fledermaus. „Fällt meine Krone dann nicht runter?“ Ich sah ihn besorgt an. „Warum?“ Er schien verwirrt, denn sie fiel natürlich doch zu Boden. Ein paarmal hüpfte sie scheppernd auf und ab und blieb dann ruhig auf meiner Matte liegen.

Als ich nach der Stunde an einer Statue von Shiva im Vorraum des Studios vorbeiging, streichelte ich ihn über einen seiner vielen Arme. Zu meiner Überraschung zwinkerte er mir zu. Ich bin sicher, dass zumindest er mich verstanden hat. Götter sind eben doch die besseren Yogalehrer.