Post aus Berlin


Heute habe ich Post von Dani aus Berlin bekommen. Richtige Post mit einer Briefmarke. Das haben wir so vereinbart, schließlich ist Karfiol ziemlich gut im Hacken und Laraina nimmt auch schon Unterricht bei ihm. Doch die Informationen, die Dani und ich austauschen, gehen nur uns etwas an, zumindest bis ich weiß, ob ich richtig liege. 

Danis Briefumschlag enthielt nur einen Stick mit einem Sprachmemo und einer Serie von Fotos. Sie zeigten alle das gleiche Motiv: Ein Mann, der in ein Auto steigt. Im Hintergrund erkannte ich das Logo der ISIS GmbH. Den Wagen kannte ich nicht. Ein dunkelgrauer Audi mit Berliner Nummer. Den Rücken des Mannes glaubte ich zu kennen. Den Mantel, den er trug allerdings nicht. Ein grauer Wollmantel mit feinen Nadelstreifen. Nein, das ist nicht Karos Stil. 

„Zufälle gibts“, hörte ich Danis Stimme sagen, „als ich heute meine Unterlagen vorbeigebracht habe, sie wollen mich vielleicht fest einstellen, kam gerade ein Mann herunter. „Das ist Jürgen Maibronner“, flüsterte Greta von der Zentrale. Ich konnte ihm natürlich nicht direkt ins Gesicht fotografieren. Also bin ich hinterher und hab ihm mit meinem Handy gerade noch erwischt. Leider nur von hinten.“

Ich schickte Dani einen Link von Karos Unternehmenswebsite, auf der ein Foto von ihm ist. Die Antwort kam einen Tag später. „Vielleicht“, schrieb sie vage. „es ist ein Allerweltsgesicht. Aber möglich ist es.“ 

Eigentlich will ich es auch nicht wissen.
Wo Karo doch neuerdings wieder bei mir im Bett schläft.
Es muss ein Doppelgänger sein.
Allerweltsgesicht eben.

Wo war Karo eigentlich vor drei Tagen?
Ich kann mich nicht erinnern.
Ich will mich nicht erinnern.
Bin ich sein Kindermädchen oder was?

Bling Bling

Manchmal, in einem Anfall von Ordnungsliebe, fange ich an aufzuräumen. Heute ist mein Schmuckkasten an der Reihe, eigentlich ein kleiner ein kleiner, grün bemalter Holzschrank, in dem ich meinen Schmuck aufbewahre, den ich jedoch so gut wie nie trage. Oder wann bitte sollte ich Diamantringe tragen? Den letzten, den ich getragen habe, habe ich vor einem halben Jahr auf der Toilette „Silbernen Gans“, einem Restaurant in Salzburg, vergessen. Der Ring wurde natürlich nie gefunden. Wäre ich die Finderin gewesen, hätte ich ihn vermutlich auch nicht zurückgegeben, denn er war wirklich außergewöhnlich schön. Ein Smaragd, fast so groß wie der Nagel meines kleinen Fingers, mit winzigen Rubinen drumherum. 

Während ich den Schrank auswische, habe meinen gesamten Schmuck auf unser Bett gekippt, in dem Karo seit ein paar Wochen nur noch sporadisch schläft. Es funkelt und glitzert in allen Farben, das Sonnenlicht bricht sich in den Diamanten und Swarovski-Steinen und sendet kleine, gleißend helle Blitze aus. Vielleicht sollte ich den Schmuck hier liegen lassen, statt ihn im Schrank zu verstecken.

Ich fahre mit einem weichen Lappen über die Etuis meiner fünf Uhren, genauer gesagt sind es  sechs, wenn man die Apple Watch mitzählt. Die anderen trage ich abwechselnd, passend zum Outfit, passend zu meiner Laune. Vielleicht wäre es ja besser sie auf Ebay zu versteigern. Endlich zeitlos und wenn ich wieder mal viel zu spät zu einem Termin erschiene, hätte ich gleich die passende Ausrede. „Hab meine Uhren versteigert, sorry?“ 

Den Schmuckschrank werde ich sobald wie möglich durch eine gläserne Vitrine ersetzen. Ich mag das Bling Bling meiner Ketten und Ringe. Ich will es sehen und die anderen sollen es auch. Und falls sich jemals einmal ein Einbrecher in meine Gemächer verirren würde, dann hätte auch er Grund zur Freude. Oder auch nicht. Denn wie ich Karo kenne, hat er alle Teile registrieren und versichern lassen. Der Typ würde schneller geschnappt, als er das Zeug verhökern kann. Looser eben, wie Karo sagen würde.

Scheihnachten Teil II


Wir versuchen schon seit Stunden Heiligabend zu feiern, doch außer Kaffee in der silbernen Kanne habe ich noch nichts vorbereitet. Draußen ist es bereits stockdunkel. Laraina hängt gerade goldenes und silbernes Lametta in den Weihnachtsbaum. Karo hat einen mit Ballen genommen, da meine Kinder dem Baum nicht beim Sterben zusehen möchten. 

Karfiol schlingt mit hastigen Bewegungen helle LED-Lichterketten über die Äste, während ich kleine, bunt verpackte Geschenke dazwischen hänge. Laraina schenke ich zu Weihnachten neue, mit Swarovski Steinen besetzte Kreolen, Karfiol kriegt ein rotes Sweatshirt von Kenzo, auf dem vorne ein Tiger aufgedruckt ist und Schlafgut bekommt Knackwürste, die ich am Baum mit roten Schleifen befestige. Für Karo habe ich eine grüne Beanie aus Kashmirwolle ausgesucht. Sie trägt vorne die „Aufschrift Peace“. Vermutlich wird er sie genau deswegen nicht tragen wollen. Dabei steht Grün ihm wirklich gut. Die Nadeln pieksen. Als ich fertig bin, sind meine Hände voller Kratzer und roter Flecke. Warum hat Karo ausgerechnet eine Fichte ausgesucht?

Laraina stöhnt genau wie ich über die harten Nadeln. „Es blutet“, anklagend hebt sie ihren rechten Zeigefinger hoch. „Nimm Handschuhe“, rät Karfiol.  Gerade hat er eine sehr lange, knallbunte LED-Lichterkette mehrfach um den Baum gewickelt. Sie blinkt in Pink und Neongrün. Ich hasse Pink und ich hasse Neongrün. Dann fängt sie plötzlich an zu singen. „Jingle Bell“, quäkt eine Computer animierte Stimme. „Jingle all the time.“ „Hab ich selber programmiert“, Karfiol hantiert an dem Stecker, „man kann sogar die Lautstärke regeln.“ „Cool“, Laraina lutscht an ihrem blutenden rechten Zeigefinger und sieht ihren Bruder bewundert an.

Karo kommt mit einigen größeren Geschenken, die er in einer Sackkarre vor sich her fährt. Schlafgut taumelt hinter ihm her. „Wir stellen sie am besten unter den Baum“, schlage ich vor und inspiziere die Verpackung. Das meiste hat er bei Amazon bestellt. Schlafgut hebt den Kopf, denn sie hat die Würste am Baum bemerkt. Plötzlich, ohne erkennbare Anstrengung, erhebt sie sich für einige Zentimeter in die Luft und lässt sich mit ihrer ganzen Körperfülle gegen die Wurst fallen, die am tiefsten hängt. Der Baum wackelt einige Male hin und her. Fast scheint es, als würde er die Balance halten können, doch dann kippt er, beinahe lautlos, gegen die grob verputzte rote Ziegelwand mit dem Kamin. Die Spitze verbiegt sich mit einem leisen Knacken nach rechts und der „Jingle Bell“ Gesang stoppt abrupt. Vermutlich weil sich der Stecker in der Buchse durch den Sturz gelockert hat. „Gut gemacht Schlafgut“, ich tätschel der Bulldogge den Kopf. Sie grunzt zufrieden und schielt schon nach der nächsten Wurst. „Jetzt wisst ihr, warum ich keine echten Kerzen im Haus haben will“, sagt Karo. 

„Können wir nicht endlich essen, Mama?“ Laraina sieht noch blasser aus als sonst „Ich bereite schnell die Ente zu.“ „Kein Fleisch Mama“, stöhnt meine Tochter, „außerdem ist es schon nach acht.“ „Haben wir noch Pizza im Kühlfach?“ fragt Karfiol, „darauf hätte ich jetzt Bock.“ 

Ich schneide also die Pizza in längliche Dreiecke und serviere sie auf großen, bunten Tellern. Dazu trinken wir uralten Bordeaux aus Kristallgläsern. Anschließend packen wir die Geschenke aus. Karo tut, als würde er sich über die Beanie freuen, schenkt sie jedoch gleich an Laraina weiter. Die Nano Puff Jacke von Patagonia, die ich für ihn gekauft habe, scheint ihm jedoch zu gefallen. „Du gehst doch so gern Trekking“, sage ich in einem möglichst gleichgültigen Tonfall. „Trekking?“ er sieht mich überrascht an. „Ich dachte nur.“ Dann öffne ich die Schatulle mit dem Schmuck. Karo schenkt mir jeden Weihnachten welchen. Diesmal ist es eine Armbanduhr. Die fünfte in meiner Sammlung. „Vielen Dank“, wie jedes Jahr falle ich Karo auch diesmal um den Hals und Laraina macht ein Foto mit ihrem neuen IPhone. Unterdessen hat Karfiol die LED-Kette wieder an den Strom angeschlossen. Für den Rest des Abends blinkt der Baum in Pink und Neongrün, während die Computerstimme „Jingle Bell“ quäkt. Liebe ist, wenn man seine eigenen Bedürfnisse auch mal zurückstellen kann. Zumindest an Heiligabend. Morgen werde ich im ganzen Haus echte Kerzen verteilen.

Von UFOs, Wolken und anderen Merkwürdigkeiten

Es gibt Tage, da wache ich auf und fühle mich beobachtet. Ein eigentümliches Rauschen liegt in der Luft, eine fast unhörbare dynamische Stille, als hörte ich einen Schrei aus der Vergangenheit, dessen Schallwellen immer noch da sind. 

An solchen Tagen halte ich mich gern im Garten auf. Ich lege mich aufs Gras, schaue hoch in den Himmel und suche ihn nach verborgenen Lichtern ab. Vielleicht gibt es sie ja doch. Unknown Flying Objects, UFOs. Wenn ich wüsste, wie sie aussehen, würde ich sie sicher auch erkennen. Dafür nehme ich manchmal etwas anderes wahr: Ein flackerndes Licht, irgendwo zwischen Wolken, Wind und All. An einigen Tagen ähnelt es einem winzigen Regenbogen, an anderen einer riesigen violetten Wolke oder einem grauschwarzen Donner, der Funken sprüht. UFOs haben viele Gesichter.

Wenn meine Augen und Ohren eines Tages schwächer werden, sehe ich wohlmöglich klarer..

Schlussendlich werde ich irgendwann ohnehin vor die Wahl gestellt, verrückt oder weise zu werden.

Und es wird der Tag kommen, an dem Körper und Sinne aufhören zu funktionieren. Dann werde ich ihnen vielleicht begegnen.

Hunderten, Millionen, Milliarden von UFOs, denen die Schreie aus der Vergangenheit folgen. Lautlose Wellen, die sich für einen kurzen Moment  in klangvolle Stille verwandeln.

Doch dann fliegen die UFOs weiter und die Schreie werden lauter. Sehr laut. Ein unendliches Gebrüll, das nicht aufhört

Spätestens dann wird mir klar werden, dass mein Glaube, irgendwann zu Stille zu werden, ein Irrtum war.

Das Leben ist ein Tanz, kein Totengebet.


Scheihnachten, Teil I

Laraina und Karfiol zuliebe habe ich dieses Jahr vegane Zimtsterne gebacken. Karo probierte auch einen. „Die Kekse schmecken nach Datteln.“ Er verzog sein Gesicht. „Gut erkannt.“ In meiner  rechten Hand hielt ich einen Flakon mit dunkelblauen Nagellack und versuchte ihn mit der linkenzu öffnen. Der Verschluss klebte fest. Ich begann in meinem Necessaire nach Nagellackentferner zu suchen.

„Hast du den Christbaumschmuck schon aus dem Keller geholt?“, fragte Karo. „Wir haben ja noch nicht mal einen Baum.“ „Du weißt aber schon, dass morgen Heiligabend ist?“ „Einen Baum zu kaufen ist eigentlich deine Aufgabe.“ „Ist dir nicht aufgefallen, dass ich bis gestern Abend auf Reisen war?“„Warst du wieder in Berlin?“ „Nein London“, er klang überrascht, „das hab ich dir doch erzählt.“ „Eben.“ Der Flakon ging auch mit Nagellackentferner nicht auf. Meine Nägel sahen stumpf und ungepflegt aus. Ich hasse das.

„Wie kommst du bloß auf Berlin?“ Karo sah mich direkt an, was nicht oft vorkam. „Berlin ist cool, oder?“ Ich erwiderte seinen Blick, woraufhin Karo hektisch aufstand. „Ich werd dann mal den Baum kaufen. Einer muss es ja machen.“ Karo zog sich seine ausgewaschene, grüne Barbourjacke über, die er schon getragen hatte, als ich ihn kennenlernte.

Mit der ganzen mir zur Verfügung stehenden Kraft drehte ich noch einmal an dem Schraubverschluss des Flakons. Diesmal klappte es. „Ich bin dann mal weg.“ Karo nahm den Schlüsselbund vom Tisch und steckte ihn in seine Jackentasche.  „Bring bitte auch Kerzen mit?“, erinnerte ich ihn, “ wir haben nicht mehr genügend.“ „Keine echten Kerzen auf dem Weihnachtsbaum“, sagte er entschieden. „Findest du lichtemittierende Halbleiterelemente passender?“ „Sicherer“, korrigierte er mich. „Ich hasse das Licht von LEDs“, quengelte ich, „ich werde Migräne bekommen und die Feiertage über schlechte Laune haben.“

Undercover

Dani aus Berlin ist geschieden, kinderlos und hat sehr viel Zeit. Zwei Stunden am Tag übt sie Yoga, dreimal die Woche unterrichtet sie Yoga. Den Rest der Zeit promotet sie sich auf ihrem Instagram-Kanal, denn obwohl bereits über 50 sieht sie mit ihrer schlanken Figur und in den knallbunten Yoga-Outfits ziemlich toll aus. Ich kontaktierte sie über den Facebook-Messenger und sie antwortete sofort. „Hallo Serafina“, sie benutzte tatsächlich meinen offiziellen Namen, „alles gut?“

„Alles merkwürdig“, schrieb ich zurück und rief ich sie über Facetime an. „Zu derselben Zeit, als mein Mann Karo angeblich in Rom war, hat meine Freundin Malika ihn in der Mongolei fotografiert.“ „Das kommt öfter vor, als du vielleicht denkst“, antwortete Dani, „mit meinem Ex hab ich ähnliches erlebt.“ „Dann hilfst du mir rauszufinden, ob Karo, beziehungsweise Herr Maibronner, für die ISIS GmbH arbeitet?“ „Klar“, sagte sie, „ich hab die Firma grad gegoogelt. Sie liegt in Berlin Mitte, gar nicht weit mir.“ „Zufälle gibts.“ „Ich würd’s eher als ein ein Zeichen sehen.“ Dann hörte ich mehrere Wochen nichts von ihr.

Drei Tage vor Weihnachten schickte sie mir ein Päckchen. Drinnen lag ein Buch „Im Alter fit und schön durch Yoga“ , das sie offenbar selbst verfasst hatte und ein dunkelgrauer, etwa daumennagelgroßer USB-Stick, den ich sofort in mein Tablet steckte. Er enthielt jede Menge Fotos und ein kurzes, von Dani besprochenes Audio-Memo.

„Als Außenstehende kann ich nur schwer beurteilen, wer in der ISIS GmbH welche Position innehat“, sagte sie. „Also habe ich mich dort für eine Woche als Aushilfe an der Telefonzentrale beworben. Die waren happy, dass jemand kurzfristig für eine erkrankte Kollegin einspringen konnte. Von der Geschäftsführung habe ich leider nur die Meier persönlich kennengelernt. Herr Maibronner ist nur sehr selten dort. „So gut wie nie“, sagt Gesa, eine Kollegin. Ich habe deshalb auch keine Fotos von ihm.“ 

Ich scrollte durch die Aufnahmen. Der Eingangsbereich der ISIS GmbH war mit Holzdielen ausgelegt, auf denen mannshohe Kakteen in knallgrünen Kübeln standen. Auch das Frontdesk war in hellen Holztönen gehalten, zu denen die dunkelrote Telefonanlage einen auffälligen Kontrast bildete. Die Geschäftsführerin erkannte ich sofort wieder. Sie war es tatsächlich. Frau Elisabeth Meier, die brünette Touristin aus dem Gorchi-Tereldsch-Nationalpark, die auf Malikas Foto neben dem Mann stand, den ich für Karo hielt. Diesmal trug sie einen eng geschnitten dunkelblauen Hosenanzug und blickte meistens ohne zu Lächeln in die Kamera. Scheisse.“ Für einen kurzen Moment wünschte ich mir blind zu sein. Doch war ich das nicht die ganzen Jahre über gewesen?

Ich öffnete ich das Textverarbeitungsprogramm auf meinem Laptop, wählte den größt möglichen Font in knallroter Farbe und begann zu tippen: „Herzlich Willkommen in der beschissensten Vorweihnachtszeit meines Lebens!“ Dann druckte ich den Text aus und klebte ich ihn mit Power Stribes an die Tür von Karos Büro.

Karo x 2 = ?

Wie kriege ich raus, ob Karo eine zweite, heimliche Identität hat?

Sein Smartphone habe ich schon durchsucht, neulich, als er beim Joggen war. Weder auf WhatsApp, noch in seiner Email irgendwelche Hinweise auf einen Jürgen Maibronner. Auch der Name Elisabeth Meier taucht nirgendwo auf. Meier ja, allerdings mit y geschrieben. Auch auf Tinder ist Karo nicht angemeldet. Jetzt sollte ich erleichtert sein.

Bin ich aber nicht.

Ich google nach dem Namen Jürgen Maibronner und erhalte zwei Treffer. Einer lebt tatsächlich in Berlin. Als Geschäftsführer einer ISIS GmbH, Zentrum für innovative Softwarelösungen für die Bereiche Haus- und Gebäudeautomation. Jetzt sollte mir ein Stein vom Herzen fallen.

Doch das ist nicht der Fall.

Denn wenn Karo einen Zwillingsbruder hätte, dann wüsste ich das. Auch wenn er einen anderen Nachnamen trüge?

Keine Ahnung. 

Haben Zwillingsbrüder nicht immer denselben Nachnamen?

Vielleicht sollte ich nach Berlin fahren.

Oder ich bitte Daniela um Hilfe. Sie ist mit mir zur Schule gegangen und wohnt jetzt in Berlin.  Vielleicht macht sie ja ein paar Fotos für mich. Von dem Firmengebäude und natürlich von Joseph Maibronner. 

Gute Idee!

Eine super Idee!

Ich bin stolz auf mich.

Hab ich die Handynummer von Daniela überhaupt noch?

Schon wieder Suchen.

Manchmal hab ich das Gefühl, ich mache in meinem Leben überhaupt nichts anderes mehr.

Treffer versenkt

Heute morgen beim Frühstück trug Karfiol, der normalerweise dunkle Farben liebt, ein leuchtend rotes T-Shirt. Karo war wieder mal auf Reisen und wir aßen unser Müsli zu dritt.„Rot wie die Liebe.“ Ich warf meinem Sohn einen verständnisvollen Blick zu, worauf er fast so rot wurde wie sein Shirt. „Treffer versenkt.“ Ich musste grinsen.

Laraina, die gerade geräuschvoll ihren Kakao schlürfte, sah mich vorwurfsvoll an. „Drück dich nicht so martialisch aus, Mama.“ „Trink lieber nicht so laut.“Treffer werden in vielen Games versenkt“, sagte Karfiol gelangweilt. „Mama ist aber keine Gamerin.“ Laraina schob trotzig ihre Unterlippe vor. „Mütter sollten die gleichen Rechte haben wie Gamer, finde ich.“ Mit betont gleichgültigem Gesicht schenkte ich mir meine mittlerweile dritte Tasse Kaffe ein, während Karfiol sich einen großen Löffel Cornflakes in den Mund schob.

„Wie heißt sie denn nun“, fragte ich ihn. Da Karfiol den Mund voll hatte, schaute er mich nur fragend an. Dann senkte er den Kopf und deutete schweigend auf die Aufschrift auf seinem T-Shirt. „SHIT“, stand dort in schwarzen handtellergroßen Buchstaben . „Schon wieder vorbei?“ Mechanisch hob und senkte er den Kopf, als er wäre er einer dieser KI-gesteuerten Roboter aus einem seiner Games.

„Hätte mich auch gewundert!“ Laraina hatte beide Hände in ihr Kinn gestützt und warf ihrem Bruder einen mitleidigen Blick zu. Sie trug heute Zöpfe und sah aus wie zwölf, höchstens. „Lisa ist nämlich ein echter Gamechanger.“ „Sie ist nichts weitere als eine blöde Instatusse.“ Karfiol starrte auf seine Müslischale. „Ihr Channel hat fast 10.000 Follower“, stellte Laraina klar, „dir folgen auf Youtube nur 97.“ „Ich liefere ja auch seriösen Content, keinen Kosmetikbla.“ „Lisa bietet nur nachhaltige Produkte an, die ohne Tierversuche hergestellt werden.“ „Wenn du das sagst.“ Er trommelte nervös mit seinen Fingern auf der Tischplatte.

„Ich werd mir deine Lisa später auf Instagram an“, informierte ich sie. „Sie ist nicht meine Lisa!“, sagte er böse. „Immerhin hat sie erreicht, dass du heute eine andere Farbe trägst als Schwarz.“ Entspannt lehnte ich mich auf meinem Stuhl zurück. Karfiol war wieder rot gewordent. „Treffer versenkt“, dachte ich. Das Grinsen verkniff ich mir .

Systemsprenger

Was finden die Leute nur so spannend am Mond, oder am Mars, oder am Weltraum überhaupt? Soweit ich gehört habe, soll es dort sehr kalt sein, oder sehr heiß. Wasser gibt es auch keins, weshalb dort keine Menschen leben. Trotzdem reisen wir in den Weltraum, zum Mond, zum Mars oder noch weiter. Wir reisen freiwillig dorthin, wo es kein Wasser gibt und die Temperaturen unerträglich sind. Wir überlegen sogar dort dauerhaft zu leben.

Sind wir alle potentielle Selbstmörder?
Oder doch nur Systemsprenger?

Irgendwann, wenn die Erde sehr heiß,
die Ozeane komplett verseucht, und die Nahrung knapp geworden sein wird,
wird es nicht mehr nötig sein auf den Mond oder auf den Mars zu reisen.

Wir werden dann hier auf der Erde unsere eigene Mondlandschaft haben und sparen viel Geld.
So ein Weltraumprogramm ist schließlich teuer!

Ich schaue in den Garten.
Das Gras leuchtet grün in der untergehenden Sonne
und der Flieder duftet.

Vielleicht sollte ich mein Auto öfter stehen lassen,
mein Fahrrad endlich reparieren
und auch nicht mehr in den Urlaub fliegen. 

Ich will keine Systemsprengerin sein.
Doch ich bin eine!
Genau wie alle anderen.

Schade!
Wo doch Mond und Mars absolut beschissene Orte zum Leben sind.


Zufall

Schon vor ein paar Wochen schon hatte ich eine Mail an Malika geschrieben: „Can you tell me more about the man in the green checked cashmere sweater? He is on that photo you sent me from your last tour through the Gorchi-Tereldsch-Nationalpark. Do you know his name? Where does he come from?“ 

Heute morgen dann endlich ihre Antwort: „Sorry for my late reply, but it took some time to find the documents of that tour. His name is Juergen Maibronner and at the time he was traveling with me, he lived in Berlin.“

„Are you sure?“ schrieb ich zurück.

„Absolutely“, antwortete sie, „he showed me his passport.“

„And what about the woman next to him?“ fragte ich, „the brunette one.“

„You really have an issue, do you?“

„Juergen Maibronner looks exactly like my husband Karo.“

„But they are not identical.“

„Yes, they have different names.“

„Lucky you“, schrieb Malika und setzte noch ein Smiley dahinter. “By the way, the woman’s name is Elisabeth Meier, she is his girlfriend. Very nice woman. He on the contrary was a bit strange.“

„Why?“

„He was  speaking on the phone all day long and hardly ever talked to his girlfriend.“

Karo wie er leibt und lebt.

„I guess I do have an issue“, antwortete ich. „Thanks for letting me know.“

„Always happy to help.“

Ich setzte mich aufs Sofa. Mir war plötzlich schwindelig. Tisch, Stuhl, Teppich, das Sofa auf dem ich saß, begannen ineinander zu verschwimmen, breiteten sich über mich aus wie eine löcherige Decke. Hilflos heulte ich los.

Hatte Karo einen Doppelgänger?

Waren sie vielleicht Zwillingsbrüder, von denen der eine adoptiert worden war?

Hatte Karo sich für die Mongoleireise einen zweiten Pass gekauft?

Oder ist alles nur ein Zufall.

Es gibt keine Zufälle!

„Mama, was ist los mit dir?“, Laraina betrat mit Schlafgut im Schlepptau das Wohnzimmer und sah mich argwöhnisch an.

„Nichts“, antwortete ich.

„Dafür siehst du ganz schön scheisse aus.“

Auch Schlafgut würdigte mich eines langen Blickes.

Das will was heißen.