Meine Farben

Wäre ich eine Malerin, hätte  ich mindestens einen Schrank voller Skizzenblöcke. 150g Papier mit Spiralbindung oder Kopfleimung, natur oder weiß. Statt in der Küche am Laptop zu hocken würde ich mit Bunt-, Filz- oder Aquarellstiften farbenfrohe Bilder auf Papier zaubern. Fröhliche Sonnen, tanzende Schmetterlinge, Frauen beim Sonnenbaden. Wäre ich eine Malerin, hätte ich ein Faible für das Strahlende, Optimistische. 

Doch ich bin keine Malerin, ich kann nicht einmal zeichnen. Erst neulich habe ich etwas auf die Rückseite eines Briefumschlags gekritzelt, den mir eine Versicherung zugeschickt hatte. Ich benutzte einen blauen Kugelschreiber. Doch statt wie beabsichtigt gerade Linien zu zeichnen, war das Papier am Ende voll mit Kurven, die weder einen erkennbaren Anfang noch ein Ende hatten. 

„Hässlich,“ kommentierte Laraina. „Spagetticode“, rümpfte Karfiol die Nase, “hättest du den für eine Maschine geschrieben, würde ich sie umgehend zum Wertstoffhof bringen.“ „Ich hab sie aber nicht programmiert.“ „Glück gehabt“, grinste Karfiol. „Was für eine Maschine?“ fragte Laraina. 

Ich warf meinem Sohn einen listigen Blick zu: „Aber Programmieren kann man lernen, oder?“ „Sicher“, sagte Karfiol. „Vielleicht sollte ich das“, überlegte ich. „Du?“ fragten meinen beiden Kinder fast gleichzeitig. „Dann könnte ich endlich strahlende, bunte Bilder generieren. So was läßt sich doch programmieren oder?“ Karfiol seufzte hörbar aus. „Hast du es schon mal mit Buntstiften probiert?“ Ich nickte. „Eine zeitlang klappte es sogar ganz gut, doch dann sind die Stifte vorne abgebrochen.“ Laraina erhob sich. „Du hast eben zu stark aufdrückt, Mama.“ Sie drückte mir einen Kuss auf die Wange. „Ich muss los.“ „Ich auch“, sagte Karfiol. 

Nachdem sie den Raum verlassen hatten, blieb ich allein am Tisch sitzen. Ich schaute eine Weile auf das Gewirr meiner Zeichnung. Irgendwann hob ich den Blick, woraufhin sich die Zeichnung ebenfalls erhob und wie ein blaues Spinnennetze vor mir Raum schwebte. Ihre dünnen Fäden glitzerten im Sonnenlicht wie Tautropfen. Millionen winzig kleiner Regenbögen tanzten um sie herum. Von der früheren Hässlichkeit war nichts, aber auch gar nichts mehr übrig. Plötzlich fingen die dünnen Fäden an zu schwingen. Kleine Miniaturseile, die schneller und schneller wurden, bis sie irgendwann nicht mehr als solche zu erkennen waren. Vielleicht waren sie ja zu Wind geworden und mit den Regenbögen verschmolzen. Ich seufzte. Manchmal tut es wirklich gut, eine Weile allein zu sein.