Brillendisput

Jetzt habe ich schon dreimal hintereinander die falsche Telefonnummer gewählt. Doch nicht, weil ich vor lauter Hektik immer wieder auf die Wahlwiederholung gedrückt habe, sondern weil die Ziffern zu klein gedruckt sind. 

„Mama, du brauchst eine Brille“, sagt Karfiol entnervt, denn es war er, den ich angerufen hatte. „Ich hab schon eine“, sage ich. „Wahrscheinlich nur für die Ferne“, antwortet er. „Ich bin nicht weitsichtig.“ Ein leises Aufstöhnen am anderen Ende. „Dann brauchst du eben eine Brille für die kurzen Distanzen.“ „Was zwei Brillen?“ Ich kann die eine doch schon nicht leiden. „Du kannst die jetzige ja verschenken.“ „Wer will schon eine Brille, die so schwer ist, dass sie Abdrücke am Nasenbein hinterlässt?“, sage ich. „Dann nimm halt Kontaktlinsen.“ „Du rätst mir zu Fremdkörpern in meinem Auge?“, fast hätte ich losgekreischt wie Laraina beim Anblick einer Maus. „Oder lass dich lasern.“ Damit meine Sehkapazität vollends den Bach runter geht. „Nein Danke“, sage ich. „Mach doch, was du willst“, Karfiol Geduld scheint am Ende, „nur ruf ich mich nicht ständig an.“ „Aber wenn ich’s doch nicht lesen kann.“ „Mama, wähl hinten die 6 statt der 5, dann erreichst du Papa. Der war es doch, den du anrufen wolltest oder?“ „Ja“, sage ich erleichtert „warum hast du das nicht gleich gesagt.“

Jack Wolfskin


Seit zehn Tagen redet Karo nicht mit mir, und er ist nicht einmal verreist. Nachts schläft er in seinem Homeoffice, auf der Couch. Hier nimmt er auch sein Frühstück ein, an seinem Schreibtisch. Wo er zu Abend isst, weiß ich nicht. Karfiol hat ihn angeblich bei Mc Donalds gesehen, dabei hasst Karo doch Burger. Sagt er jedenfalls. Aber vielleicht stimmt das nicht. Genauso wenig wie andere Dinge, die er erzählt.

Malika, eine meiner Instagram Bekannten, hat nämlich neulich ein Foto von ihrer letzten Mongolei-Tour durch den Gorchi-Tereldsch-Nationalpark gepostet. Ein Mann aus ihrer Gruppe sah dabei genauso aus wie Karo. Ich habe ihn an dem violett grün karierten Kaschmirpullover erkannt, den ich ihm zu seinem letzten Geburtstag geschenkt habe. Blöd nur, dass Karo genau in der Zeit von Malikas Tour angeblich in Rom war. 

Karo hat natürlich alles abgestritten. „Viele Leute tragen so einen Pullover“, behauptete er. „Nein“, antwortete ich, „die meisten tragen Jack Wolfskin. Auch die brünette Frau neben dir. Wer ist das überhaupt?“ „Eine brünette Frau?“ Er sah mich irritiert an. „Wie ein Mann sieht sie jedenfalls nicht aus“, merkte ich an. „Seit wann stehst du übrigens auf Frauen, die Jack Wolfskin tragen?“ Das war das letzte Mal, dass wir gesprochen hatten..

Ist er nun beleidigt, weil ich den Geschmack seiner Freundin grenzwertig finde?

Ist sie vielleicht doch ein Mann?

Hat er sich heimlich klonen lassen und war in Wahrheit doch in Rom?

Oder ist alles ganz anders?

Wie immer. Er hätte mir jedenfalls eine Ansichtskarte schreiben können!

Kommt in meine Welt

Mein Name ist Larymond. Meine Eltern nannten mich Serafina, doch das ist nicht so wichtig, jedenfalls für mich. Karo, mein Ehemann, kennt meinen wirklichen Namen nicht. Er nennt mich Mausi und meine Kinder sagen Mama zu mir. Was für eine seltsame Welt, in der man sich nicht bei seinem Namen nennt. Das ist auch der Grund, weshalb ich angefangen habe zu bloggen. Und zwar als Larymond.

Ich schreibe viel. Über das, was ich sehe und über das, was ich denke. Ich schreibe nicht über das, was die anderen sehen und auch nicht über das, was die anderen denken. Wobei ich manchmal den Eindruck habe, dass die meisten beides nicht beherrschen. Sie lassen andere für sich sehen und andere für sich denken. Am Ende wundern sie sich, dass sie gar nichts verstehen. Wobei es, genau genommen, nicht viel zu verstehen gibt. Man wird geboren, wird älter und stirbt. Dazwischen jede Menge Stress, wenns schlecht läuft und viel Langeweile, wenns gut läuft. Darum kultiviere ich die Langeweile. Ich mag es, wenn ich von ihr umhüllt werde wie von einem Kokon. Darin liegt für mich der eigentlich Sinn des Lebens. Irgendwann dann werde ich mich zu Tode gelangweilt haben und über mich lachen wie über einen gelungenen Witz. Währenddessen suchen andere immer noch nach der Pointe. Als wäre sie ein notwendiger Bestandteil dieses Spiels.

Kopfstände und Kronen

Laraina hatte mal wieder Lust ins Yoga zu gehen. Allein gehen wollte sie nicht und Sybil, ihre Freundin, hatte angeblich Mumps. Also musste ich mit.

Laraina hatte uns beide für einen „Vinyasa-Flow auf mittlerem Niveau“ angemeldet,der sich jedoch als Turbogymnastik mit Mantrasingen entpuppte. Angeheizt ..äh .. angeleitet von Jean-Paul, dem nach Meinung von Laraina „so besonders süßen Yoga-Lehrer“. „Ich hasse Liegestütze“, keuchte ich nach meinem zehnten Chaturanga. „Du hast sicher schon zwei Kilo verloren“, ermunterte meine Tochter mich. „Willst du damit sagen, dass nur dünne Frauen erleuchtet werden können?“ Laraina antwortete nicht, denn Jean-Paul hatte uns gerade einen missbilligenden Blick zugeworfen. Gespräche sind im Yogahimmel anscheinend nicht erwünscht.

Später sollten wir einen Kopfstand machen. „Geht nicht“, sagte ich zu Jean-Paul, der gerade an meiner Matte vorbeilief. „Probleme mit der Halswirbelsäule?“, fragte er.  Ich schüttelte den Kopf. „Es liegt an meiner Krone.“ Ich deutete oben auf meinen Kopf. „Sie zerbeult, wenn man sich auf sie daraufstellt.“ „Ich hol dir gern einen Feet-up“, erwiderte er. Damit meinte er ein Hocker ähnliches Gestell, in das man sich kopfüber einhängt wie eine Fledermaus. „Fällt meine Krone dann nicht runter?“ Ich sah ihn besorgt an. „Warum?“ Er schien verwirrt, denn sie fiel natürlich doch zu Boden. Ein paarmal hüpfte sie scheppernd auf und ab und blieb dann ruhig auf meiner Matte liegen.

Als ich nach der Stunde an einer Statue von Shiva im Vorraum des Studios vorbeiging, streichelte ich ihn über einen seiner vielen Arme. Zu meiner Überraschung zwinkerte er mir zu. Ich bin sicher, dass zumindest er mich verstanden hat. Götter sind eben doch die besseren Yogalehrer.


Erwachsen

Laraina, meine Tochter, findet mich peinlich. Weil mir das neue Album von Ariana Grande gefällt. „Du bist 52, Mama. Ariana Grande ist 25.“ „Na und“, sage ich. „Demnächst fängst du noch an, für Justin Bieber zu schwärmen.“ „Warum?“, frage ich, „seine Musik ist nicht so besonders.“ „Es geht doch gar nicht um Musik“, sagt sie. „Um was dann?“ „Du kannst dich in deinem Alter nicht einfach hinstellen und „Thank u next“ gut finden.“ „Ich kann“, sage ich, „denn ich verstehe was von Musik.“ Laraina mustert mich von oben bis unten. „Noch dazu in diesem Outfit. Enge Jeans mit knallbunten Turnschuhen. Geht gar nicht.“ „Ich hab mein Leben lang bunte Schuhe getragen.“ „Zieh dich doch mal erwachsen an, Mama. So wie die Mutter von Lisa zum Beispiel.“ „ Zu enge Etuikleider in Erdfarben, ich bitte dich.“ „Sie versucht eben nicht auszusehen, als wäre sie dreißig.“ „Nein, sie sieht aus, als wäre sie bereits in Rente.“ „Was ist so verkehrt daran?“ „Weil sie noch lange nicht in Rente ist“, antworte ich. „Die Mutter von Lisa ist 46. Fast tut sie mir leid, die Arme.“

Rutschig

Drei Tage lang hat es ununterbrochen geschneit. Heute scheint das erste Mal die Sonne. Gott sei Dank. Ich will mit Karoline, meiner Nachbarin, spazieren gehen. Das heißt, ich hab es ihr vorgeschlagen. Sie will eigentlich nicht. Doch ich habe sie unter dem Vorwand, ihr meine neue Stiefeletten zu zeigen, zu mir gelockt. Und jetzt – Bäm! – ist sie dabei. 

Meine neuen Schuhe sehen aber auch fantastisch aus. Dunkelblaues Wildleder, schmaler Absatz und ein kleines Schleifchen an der Seite. „Wirklich süß“, meint Karoline. „Damit willst du wirklich bei diesem Wetter durch den Englischen Garten stöckeln?“, dieser Satz kann nur von Karfiol stammen, meinem Sohn. Ich schaue ihn an. Dunkler Hoodie wie immer und an den Füßen klobige Doc Martens mit verstärkter Ferse und Profilsohle. „Nur unsportliche Leute tragen solche Boots“, weise ich ihn zurecht. Dann mach ich mich mit Karoline vom Acker. Karfiol hält sein Handy in unsere Richtung, während wir über den eisigen Weg in Richtung Park schlittern. 

„Macht Spaß oder?“ frage ich Karoline nach einer Weile. Aber sie antwortet nicht. Dabei trägt sie Schuhe mit flachen Absätzen. Irgendwann will sie umkehren. Doch ich laufe mit erhobenem Kopf weiter über das rutschige Eis, wobei ich meine Schritte sehr konzentriert und genau platziere. Ich fühle mich wie eins dieser Mädchen aus der Modelsendung, die Laraina manchmal schaut. Vielleicht die Idee für eine neue Challenge: Sich mit High-Heels anmutig über einen Laufsteg aus Eis bewegen. „Ist das bescheuert oder ist das bescheuert?“, frage ich Karoline, die lustlos hinter mir her rutscht. „Nach diesem Spaziergang sind deine Schuhe hin“, unkt sie gehässig. „Möglich“, antworte ich, „vielleicht aber sind sie dann erst richtig eingelaufen.“

Winter

Es soll Leute geben, die lieben den Winter. Sie nennen den mit Schadstoffen kontaminierten Schnee auf den Bäumen Zuckerwatte und fühlen sich durch das Geglitzer seiner Eiskristalle in ein Märchenland versetzt. Sie lieben Schneegestöber, weil es sie an eine gewisse Frau Holle erinnert, deren Alleinstellungsmerkmal darin besteht, ihre Daunendecken auf eine besonders wilde Weise auszuschütteln. Am Ende sind die Decken leer und alle, die unter ihnen schlafen wollen, haben das Nachsehen. Es soll sogar Leute geben, die laufen voller Begeisterung bei Minusgraden Ski. Im Schneckentempo rutschen sie dann seitlich schräg über eisige Pisten, das Gesicht unter Schal und Mütze vor dem eisigen Wind verborgen. Beim Après Ski lassen sie sich anschließend mit Glühwein volllaufen, bis ihnen der Schädel brummt. 

Was nehmen sie nicht alles auf sich. Keine Anstrengung scheint ihnen zu groß zu sein! Vielleicht hatten sie als Kind auch nur Niemanden zum Spielen. Oder sie durften nur unter Aufsicht auf den Spielplatz. Oder sie mussten schon mit vier Jahren Englisch und Japanisch lernen. Vielleicht wollte man sie auch zu einem Piano spielenden Wunderkind dressieren oder jemand hat versucht, aus ihnen einen zweiten Franz Beckenbauer machen. Jetzt also suchen sie in Minusgraden ihr Heil und in glitzernden Eiskristallen ihr Paradies. Das allerdings dürfte schon bei den nächsten Temperaturen im Plusbereich wieder verschwunden sein.