Mikrometertakt!

Den ganzen Tag schon war ich sauer. Keine Ahnung warum. Trotzdem habe ich gelächelt. Karo hat seinen Guten-Morgen-Kuss bekommen und Larainas Katastrophen-Outfit kommentierte ich mit: „Wirklich besonders, Liebes.“ Selbst Schlafguts Gesabber belohnte ich mit einem Lächeln, was ihr jedoch egal zu sein schien.  Als ich später dem Elektriker erklärte, dass die neue Leitung für Karos Homeoffice nicht durchs Schafzimmer laufen sollte, lächelte ich immer noch. Auch dann, als er mir erklärte, dass es zum Schlafzimmer keine Option gibt. Mittags taten mir bereits die Mundwinkel weh.

„Kann man vom Lächeln Muskelkater bekommen“, fragte ich Karoline, meine Nachbarin, die ich beim Shoppen auf dem Marienplatz zufällig traf. „Gibt es Muskeln in den Mundwinkeln?“ fragte sie zurück. „Das genau wollte ich von dir wissen“, erwiderte ich.

Später fuhr, nein stand ich von München nach Hause. Stossstange an Stossstange und neben mir auf der Zubringerspur jede Menge andere Autos. Doch ich lasse niemanden rein. Verbissen verteidige ich meinen Platz. Da hilft kein Blinken, kein Hupen und auch kein Stinkefinger! Mit konzentrierter Miene starre ich auf die Stossstange meines Vordermanns. Sobald sie sich einen Mikrometer vorwärts bewegt, bewege auch ich meinen Wagen im Mikrometertempo. Larymond first. Hab mich lange nicht mehr so gut gefühlt!

Straßen und Baustellen

Vier Monate ist es her, dass Karo mir den neuen BMW geschenkt hat. In der ganzen Zeit habe ich es nicht geschafft, schneller als 150 Stundenkilometer zu fahren. Meistens fahre ich 50  (Ortschaften) oder 30 (verkehrsberuhigte Zone) oder stehe (Stau). Letzteres ist meistens der Fall. Es wird darauf hinauslaufen, dass sie irgendwann die Straßen ganz abschaffen. Dann stehen wir in unseren BMWs nur noch auf Baustellen rum, hören Musik mit unseren Headphones und warten auf den Tag, an dem die Bauarbeiten beendet sein werden. Die Baufirmen wissen natürlich, dass dieser Tag niemals kommen wird. Irgendwann, wenn das ganze Land umgegraben und in eine Megabaustelle verwandelt wurde, werden wir Autofahrer plötzlich merken, dass wir in unseren tollen Superschlitten auf einer kleinen, einsamen Insel leben, umrundet von nichts anderem als Baggern, Planierraupen und Bergen von Schutt. Vielleicht sollte ich einfach mehr joggen gehen.