Burkini

 

Frankreich möchte den Burkini verbieten und alle regen sich auf. Ich auch. Warum sollen wir am Strand nicht mehr tragen dürfen, was wir wollen? Neulich am Starnberger See habe ich am Ufer ein singendes Fischstäbchen getroffen, das für irgend so eine Tiefkühlfirma Promotion machte. Es war in eine Art bräunlich glitzerndes Ganzkörperkondom gekleidet. Auch eine Art Burkini, oder? Doch Fischstäbchen beten nicht zu Allah. Wozu sie also verbieten? Dabei sind sie scheiss ungesund, voll mit Fischabfällen und fettiger Panade, die wiederum äußerst förderlich sind für Zellulitis und Schwabbelbauch, die niemand im Sommer am Strand sehen mag. Dagegen hilft nur eins: Schicke Burkinis für Männlein und Weiblein müssen her. In schlichtem Schwarz, Pink oder raffiniertem Leo. Dann macht der Sommer wieder Spaß! 

Play the Game – Win the Game

 

Heute morgen war ich im Supermarkt einkaufen. Mit meinem neuen BMW, den Karo mir zum Geburtstag geschenkt hat. Als ich zurückkam, hatte ein junger Mann die rechte Seite meines Autos mit einem Schlüssel zerkratzt. Er stand noch daneben. Der Schlüssel baumelte in seiner Hand und er hatte das hässlichste T-Shirt an, das ich je gesehen hatte. Es war bedruckt mit einer bunten Teufelsmaske vor einem ebenso bunten Spielautomaten und trug die Aufschrift: „Play the game – Win the game“ in Silber und geschnörkelt. Er tat mir so leid. „Ich kaufe ihnen ein neues T-Shirt“, bot ich ihm an. Er schien überrascht: „Es ist doch gar nicht kaputt.“ Ich weiß nicht wieso, doch plötzlich hatte ich eins der Eier aus meinen Einkäufen in der Hand und warf es auf sein T-Shirt. Zäh tropfte das Eigelb an ihm herunter und verklebte die Teufelsmaske. Ich warf noch ein Ei, noch eins und noch eins, bis der junge Mann sich umdrehte und weglief. 1:0 für mich, denn Eidotter lässt sich nicht rückstandsfrei aus Kleidung entfernen.

Schnupfen

 

Manchmal wache ich morgens auf und denke ich träume. Manchmal schlafe ich abends ein und denke ich, ich bin wach. Es gibt auch Momente, da weiß ich nicht, ob ich wach bin oder träume. Das liebe ich am meisten, denn es fühlt sich an wie Zuckerwatte essen, ohne an den Karies zu denken, der die Folge sein könnte. Die Betonung liegt auf könnte. Dem Konjunktiv, der mein Leben zu bestimmen scheint. Du könntest träumen, tust es aber nicht, du könntest wach sein, bist es aber nicht: Ein Leben im Zwischenzustand – warm und angenehm. Wenn nur die ständige Zugluft nicht wäre. Hat jemand vielleicht ein Taschentuch für mich?

HATSCHI!!!

Die Sache mit dem Weihnachtsmann

 

Ich glaube an das, was ich sehe. Aber nicht alles, was meine Augen wahrnehmen, sehe ich auch. An Klapperstörche, die Babys bringen, glaube ich zum Beispiel nicht. Auch der liebe Gott gehört nicht dazu. Vermutlich weil er gar nicht so lieb ist, wie meine Eltern mir weismachen wollten. Damals, als ich noch am Daumen lutschte und Windelhosen trug.

Beim Weihnachtsmann ist das anders. Ich bin ein bekennender Fan und glaube fest an seine Existenz, wenn er zu Weihnachten durch die Einkaufspassagen stapft. Ich liebe seinen langen, weißen Bart und seinen schönen, roten Mantel. Mir gefällt, dass er umweltfreundlich mitten im Wald wohnt, wahrscheinlich in einer Holzhütte ohne Strom und den üblichen Schnickschnack. Er muss ein ziemlich charismatischer Typ sein, dieser Weihnachtsmann und ein Marketing-Genie dazu. Bringt er doch einmal im Jahr die halbe Menschheit dazu, wie verrückt in die Geschäfte zu laufen und einzukaufen: Nicht um sich selber, sondern um ANDEREN eine Freude zu machen. Und für diesen Wahnwitz lieben die Leute ihn noch! Selbst meine Kinder! Wer allerdings nicht nach seiner Pfeife tanzt, den sucht er persönlich auf, samt Rute – und wird dafür nicht einmal rechtlich belangt. Ein einmalig genialer Typ! Gäbe es ihn nicht bereits, würde ich ihn sofort erfinden.

Ist die Erde eine Scheibe?

 

Professor Dr. Hajo Müller ist ein Schulfreund von Karo. Blonde, halblange Haare und niemals eine Krawatte. Er arbeitet an irgendeinem Institut für Astrophysik. Karo sagt, er sei hochintelligent. „Das bist du doch auch, oder?“ frage ich meinen Mann.

Bei seinem Besuch gestern hatte Professor Müller sein neues Buch dabei. „Gibt es eine zweite Erde?“ Der Einband zeigte die Erde frei schwebend im All. Sie war rund wie ein Ball. Sein Buch liegt vor mir auf dem Tisch. Ich tippe mit dem Finger auf das Foto: „Da hat aber jemand mit Photoshop nachgeholfen.“ „Wie meinen Sie das?“ „Die Erde ist nicht rund“, erkläre ich ihm. „Satelliten haben sie vermessen und herausgefunden, dass sie die Form einer Kartoffel besitzt.“ „Die Aufnahme wurde aus  großer Entfernung gemacht“, antwortet er. „Trotzdem ist die Erde nicht so rund, wie sie auf diesem Foto aussieht.“ Um die Einzelheiten besser erkennen zu können, schiebe ich das Buch direkt in den Lichtkegel der Tischlampe. „Fotos“, fahre ich fort, „bilden die Wirklichkeit mittels einer komplexen Technologie ab. Sie erfinden sie quasi neu und schwups wird aus einer Kartoffel eine Kugel.“ „Es waren Astronauten oben“, sagt der Professor, „sie haben die Erdkugel mit ihren eigenen Augen gesehen.“ Er schiebt das Buch wieder näher zu sich heran. „Sieht nicht jeder im Grunde nur das, was er sehen möchte?“ „Es gibt naturwissenschaftliche Gesetze“, sagt Professor Müller. „Die von Menschen definiert wurden.“ „Was ist falsch daran?“ „Nichts“, antworte ich, „aber es waren eben Menschen.“ „Seit Newton ist die Existenz von Gravitations- und Rotationskräften eine bewiesene Tatsache.“ „Und morgen kommt jemand anderes und beweist genau das Gegenteil.“ „Zum Beispiel?“ „Vielleicht ist die Erde ja doch eine Scheibe“, überlege ich, „platt wie ein Surfbrett. Irgendwann fallen wir alle am Rand herunter.“ „Dann wäre Amerika nie entdeckt worden“, wirft er ein. „Oder die Erde ist größer als wir denken. Wenn wir das Land hinter dem Horizont nicht erkennen, kann es auch daran liegen, dass unsere Sehstärke nicht ausreicht. Alles andere wären dann Ammenmärchen, erdacht von Leuten, die ihren Augen nicht trauen.“ 

Schlafgut

 

Letzte Woche stand Laraina am frühen Morgen vor meinem Bett. Ihr Gesicht war zu Zweidrittel von einer großen, dunkelgrünen Schleife verdeckt. „Herzlichen Glückwunsch, Mama.“ Sie drückte mir ein Bündel in die Hand, das mit eben jener Schleife umwickelt war. Das Bündel schnarchte und hinterließ einen feuchten Abdruck auf meiner Bettdecke. Es war eine Bulldogge. „Ich hab aber erst nächste Woche Geburtstag.“ Der Hund lag mit geschlossenen Augen neben mir, die Schnauze tief in mein Kopfkissen vergraben. Nur ein einziges Mal öffnete er einen kurzen Moment lang das rechte Augenlid. Die grüne Schleife zitterte im Takt seiner heftigen, stoßartigen Atemzüge. „Er ist doch nicht etwa krank?“ Laraina verdrehte die Augen. „Er ist mein Geburtstagsgeschenk, Mama.“ Mein Geburtstag ist aber erst nächste Woche“, wiederholte ich. „Du könntest dich wirklich etwas freuen.“ Sie schien gekränkt und beugte sich vor, um die Bulldogge über den Kopf zu streicheln. „Ist sie nicht süß?“ Sie lächelte, als hätte sie gerade die Erlaubnis erhalten, die teuren Nougat-Schokoeier von Lind schon an Weihnachten shoppen zu dürfen. „Schläft er eigentlich immer?“ Laraina nickte. „Immer“, sagte sie ernst, „behauptet jedenfalls Nicoles Mutter, die bisherige Besitzerin. Sie ist allergisch auf Hunde.“

Ich habe allerdings den Eindruck, dass Schlafgut lediglich das Tageslicht anstrengend findet. Beinahe jede Nacht wache ich davon auf, wie er über die Dielenfliesen und das Wohnzimmerparkett tapst und dabei röchelt wie eine defekte Klospülung. An allem, was er beschnuppert, hinterlässt er feine, feuchte Fäden aus Schleim. Mit Vorliebe scheint er auf dem Esszimmertisch zu liegen, von wo aus er den gesamten hinteren Teil des Gartens überblicken kann. Zumindest finde ich morgens jede Menge Hundehaare auf dem Tischläufer zusammen mit den Rückständen seines Schleims. Keine Ahnung, wie Schlafgut mit seinen kurzen, krummen Beinen es schafft, den hohen Tisch zu erklimmen. Vielleicht gehört er ja in Wahrheit zur Gattung der Megachiroptera, einer Art nachtaktiver Flughund, der tagsüber in Bäumen hängend schläft und sich ausschließlich vegetarisch ernährt. Letzteres ist bei Schlafgut bislang nicht der Fall. Doch ich arbeite daran.

 

Mein Vater

 

Mein Vater ist bereits vor vielen Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben. Er war ein stiller, bescheidener Mann, der Seemannslieder hörte und gerne im Garten arbeitete. Außerdem liebte er Hunde und die Gartenzwergsammlung im Vorgarten unseres Hauses. Jeder Zwerg sah ein wenig anders aus. Einer fuhr eine Schubkarre vor sich her, der zweite schulterte einen Sack, ein dritter hielt eine Laterne, der vierte einen Spaten in der Hand, usw.. Sie hatten sympathische, freundliche Altmännergesichter, doch meine Mutter konnte sie nicht leiden. Sie verabscheute ihre dicken Bäuche, die knolligen Nasen, die ungepflegten Bärte. Nach und nach verschwanden sie dann auch. Anfangs fehlte nur ein Stück einer Nase, dann war eines Tages die Schubkarre verschwunden, bei einigen Zipfelmützen brach das Ende ab und schließlich verschwand einer der Zwerge samt Laterne völlig. Eines Morgens war dann der Vorgarten gänzlich zwergenlos. So geschah es auch mit anderen Dingen, die mein Vater mochte. Seine Freddie Quinn Platten landeten auf dem Flohmarkt und als er sich einen weißen Spitz als Haustier zulegte, tauschte meine Mutter ihn gegen einen Dalmatiner um, den mein Vater „Pumpkin“ taufte. Er brachte ihm viel bei. Schon bald konnte Pumpkin auf Kommando einen seitlichen Purzelbaum schlagen, den Flohwalzer fast perfekt jaulen oder kleine Bälle auf der Schnauze balancieren. Kurz nachdem Pumpkin von einem Auto überfahren wurde, brach bei meinem Vater der Krebs aus und er starb  wenig später.

Meine Mutter

Vor kurzem ist meine Mutter gestorben. Mitten im Winter, bei Temperaturen um die -20°C. Ich war sauer. Ist sie doch einfach fort gegangen, ohne vorher Bescheid zu sagen. Das hat sie immer so gemacht, ihr Leben lang. Sie war einfach sehr spontan. Wenn sie Lust hatte im Winter im See baden zu gehen, dann hat sie das gemacht. Und wir Kinder mussten mit, weil es ja so gesund ist. Gestorben ist sie allerdings nicht an einem Kälteschock sondern im Schlaf. Vermutlich war ihr langweilig. Denn was bleibt vom Leben übrig, wenn der Mann tot, die Kinder aus dem Haus und der See zugefroren ist? Ihre Anrufe habe ich meistens weggedrückt. Dafür erhielt ich dann lange Emails von ihr, die meistens so begannen: „Meine liebe Serafina,“ denn so heiße ich für alle, die nicht meine Blogs lesen. Und endeten mit: „Ich vermisse dich, mein lieber Spatz.“ Als wäre ich einer dieser schmutzigen, lauten Vögel, die tagtäglich unsere Terrasse vollkacken. Jetzt ist sie also tot und ich sollte sehr traurig sein.